Antisemitismus

„Ein Brief und eine Entgegnung": Am 10. Juli 98 veröffentlicht die SVP des Kantons Zürichs im TA ein halbseitiges Inserat (vgl. auch NZZ 11.7.98). Auf der linken Seite steht ein Brief des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Zürich, Werner Rom, an Christoph Blocher, auf der rechten dessen Entgegnung. Am 17.7.98 publiziert der israelitische Wochenblatt ein Kommentar dazu mit dem Titel „Ein Inserat und seine Absicht": „Ueber den Inhalt von Blochers Entgegnung lässt sich streiten. (...) Das andere ist deren Veröffentlichung. Denn der ganze ‘Briefwechsel’ mutiert im öffentlichen Rahmen eines Inserats zur Kampfansage."

Joseph Spring klagt gegen die Schweizer Eidgenossenschaft auf eine Entschädigung von 100'000 Franken, weil er „Ende 1943 von Schweizer Grenzwächtern ausgeliefert und als Jude denunziert" worden war. Die WoZ publiziert die 40-seitige Klageschrift auf ihrer Homepage (www.woz.ch; WoZ 16.7.98) „- zusammen mit Dokumenten in Sachen Spring sowie den Bundesratsentscheid vom 22. Juni 98." Der Bundesrat hatte ihm damals zwar sein „tief empfundenes Mitgefühl und Bedauern" ausgesprochen, dennoch jeglichen Anspruch auf Genugtuung „als ‘durch Zeitablauf’ verwirkt" abgetan (Tagespresse 24.6.98; le Courrier 4./5.7.98).

Am 24.12.98 gibt die WoZ Details zur Replik der Schw. Eidgenossenschaft: „Sie geht hinter alles zurück, was der Bundesrat in den letzten fünf Jahren zur schweizerischen Flüchtlingspolitik während der Nazizeit reumütig von sich gab". Dem Eidgenössischen Finanzdepartement „scheint es ausgeschlossen, dass der Kläger in einer Jugendherberge in La Curie übernachtet hat, da eine solche dort nie existiert" hat. Zwei Bilder der Jugendherberge, eines vom November 1998 und eines vom November 1943 (Ausriss WoZ Nr.15/98), widersprechen dem Departement offensichtlich. Le temps konfrontiert das EFD mit den eigenen Aussagen vom 23. Juni 98 (le temps/TA 24.12.98).

Am Rande des Prozesses gegen die beiden Holocaust-Leugner Jürgen Graf und Gerhard Förster (vgl. Kapitel Antirassismus-Strafnorm) beschäftigt sich die BaZ vom 7.8.98 mit der Frage der Dimension des damaligen Massenmordes. Sie führt zurück auf eine Zuschrift aus Amerika, publiziert in den Basler Nachrichten vom 13.6.46, das die Zahl der jüdischen Opfer auf zwischen 1 und 1,5 Millionen bezifferte. Das Standardwerk „Die Dimension des Völkermordes" von Wolfgang Benz hatte die Zuschrift bereits 1991 als Ursprungsquelle des Streits um Opferzahlen geoutet. Aufgrund verschiedener Quellen zeigt der Autor des Artikels auf, dass sich die Wissenschaftler heute in dieser Frage weitgehend einig sind, und meint abschliessend zum deprimierenden Rechnen mit Millionen von Getöteten: „Der Fortschritt des zwanzigsten Jahrhunderts - auch in seiner zweiten Hälfte - ist ein Fortschreiten über Leichenbergen."

Der überraschend zurücktretende Amman von Wittnau AG hat an verschiedene DorfbewohnerInnen jahrelang antisemitische und rassistische Schmähbriefe versandt. Die Betroffenen haben Peter Meier am 2.7.98 die Ergebnisse zweier DNA-Analysen und am 7.8.98 eine Erklärung für sein Schuldeingeständnis und seine öffentliche Entschuldigung zur Unterschrift vorgelegt. Schliesslich verzichten die Opfer der Briefaffäre auf die Erhebung von Zivil- und Strafklagen gegen den Politiker, nachdem er sich mit einer persönlichen Erklärung entschuldigt hat (AZ 14./15./29.8.98).

Emmanuel Hurwitz, Psychiater, Psychotherapeut und Publizist in Zürich, wird im TA vom 3.9.98 zum Thema Antisemitismus, dessen Ursachen und Verbreitung in der Schweiz interviewt. Er bezeichnet diesen als Bestandteil der christlich-abendländischen Kultur und deshalb als ohne die Geschichte der christlich-jüdischen Beziehung nicht zu verstehen. In einem Kasten schildert der Interviewer fünf zufällig ausgewählte Beispiele von alltäglichem Antisemitismus in Zürich, anno 97/98.

In einem zweiseitigen Artikel in der Weltwoche vom 10.9.98 äussert sich Prof. Georg Kreis zu den Ergebnissen seiner Forschungen zum Thema ‘Antisemitismus nach 1945’. Anhand etlicher Beispiele aus der damaligen Presse zeigt er das Wiederaufkeimen des Antisemitismus’ nach dem 2. Weltkrieg auf. Er unterscheidet zwischen fünf Ursachen und Formen/Themenkreisen: Asyl- und Migrationsproblematik, internationale Bindungen und Staatswerdung Israels, christlicher Antijudaismus, agrarischer Antisemitismus, sich selbst bestätigender Antisemitismus. Er endet mit der nüchternen Aussage: „Inzwischen haben wir die Illusion verloren, dass das Fanal von Auschwitz den antisemitischen Regungen einen Riegel geschoben hat."

Der Artikel ist eine Vorankündigung des Ende September erscheinenden Buchs ‘Antisemitismus in der Schweiz 1848-1960", herausgegeben von Aram Mattioli im Verlag Orell Füssli, Zürich 1998, 594 Seiten. Ein Interview mit dem Herausgeber erscheint in vier verschiedene Tageszeitungen (NLZ 10.10.98, BaZ 14.10.98, AZ 17.10.98 und Bund 3.11.98). In der AZ nimmt dieser mehr als doppelt so viel Fläche ein als in BaZ und NLZ, der Bund widmet dem Buch die gesamte Seite zwei.

Die Bundespolizei verhängt gegen den Sektenführer Peter Leach-Lewis eine Einreisesperre (Bund/WoZ 15.10.98, TA 16.10.98). Dieser wollte an einem dreitägigen Kongress der Universalen Kirche in Interlaken persönlich erscheinen und eine Rede halten. Rund 700 Anwesende lauschen schliesslich Lewis’ Verschwörungstheorien über Telephon (Bund, 19.10.98).

Zum 1. Mal befasst sich eine Bundesstelle mit Antisemitismus und erhält dafür breite Pressebeachtung. Alle Zeitungen rücken am 6.11.98 in einem oder mehreren tiefgründigen Artikel die Aussage des Berichtes der eidg. Kommission gegen Rassismus ‘Antisemitismus in der Schweiz’ in den Mittelpunkt, dass „die Hemmschwelle, sich unverhohlen antisemitisch zu äussern, seit Beginn der Kontroverse um die Schweiz im 2. Weltkrieg gesunken" ist. Die BZ publiziert zusätzlich ein Interview mit Rolf Bloch dazu, Präsident des Israelitischen Gemeindebundes, die AZ ein Kommentar auf Seite 1, le temps Auszüge aus dem Bericht. NZZ und NLZ kommentieren den Bericht tags darauf.

Am 29.11.98 zitiert die SoZ Hans Fuchs, Geschäftsleiter des KKW Gösgen, der an einer Fachtagung über den Ausstieg aus der Atomkraft meinte, bei einer Abschaltung der KKWs seien drastische Klimaschäden programmiert, „mit Folgen, die den Holocaust als blosse Episode erscheinen lassen werden." Die sda meldet am 30.11.98, Fuchs’ Arbeitgeberin, die Aare-Tessin AG (Atel) habe sich gleichentags für diese Aeusserungen bei der deutschen Botschaft entschuldigt.

Schang Hutters ‘Shoah’ beschäftigt das Berner Strafeinzelgericht: Ein Leser hatte im Bund vom 14.3.98 die Nazionalsozialisten als geistige Vorgänger der FPS bezeichnet. Nach geheimen Verhandlungen kommt es schliesslich zu einem Vergleich: Der Leser entschuldigt sich im Bund und zahlt die Anwaltskosten zuzüglich 1'000.—sFr. an den Tierschutzverein Bern, dafür lässt die FPS ihren Strafantrag wegen Beschimpfung, übler Nachrede und eventuell Verleumdung fallen (Bund, 4.12.98).

Eine Frau bezeugt mit einem Brief, ein Freund von ihr habe eine Bombendrohung erhalten. Er sei Schweizer, hier aufgewachsen, habe Militärdienst geleistet und... sei Jude (Bund 5.12.98). Eine ähnliche Erfahrung hatte Brigitte Halpern gemacht, kaum war sie als erste Frau zur Präsidentin der jüdischen Gemeinde Bern gewählt worden: Sie fand ein aufgemaltes Hakenkreuz an ihrem Briefkasten (BZ 4.7.98).

Das Bezirksgericht Zürich spricht einen TA-Reporter vom Vorwurf der Ehrverletzung frei. Der Reporter hatte im August 97 einen Artikel veröffentlicht, in dem er einen Brandstifter als notorischen Ausschwitz-Leugner bezeichnete, obwohl die Brandstiftung direkt nichts mit der Gesinnung des Täters zu tun hatte (TA 12.12.98).


TopRaben-Net: Home