Behörden, Verwaltung und Polizei

Mit einem Brief an die TdG wehrt sich die Ehefrau eines gambischen Schwarzen gegen die Berichterstattung über die Ereignisse, die sich am 22. Oktober vergangenen Jahres am Bahnhof von Cornavin abgespielt haben. Damals nahm die Polizei 58 mutmassliche Kokaindealer fest, wober einer davon neun Tage festgehalten worden war, bis der ihn belastende Drogenabhängige sich eines Besseren besinnte. „Depuis quand la parole d’un toxicomane a-t-elle plus de valeur pour la police que celle d’un honnète homme, mais qui est Noir", beschwert sich die Frau. Ein Beamter des Bevölkerungsamtes der Stadt Lausanne scheint ihren Ehemann zu kennen und weiss, dass ihn die Zürcher Polizei schon vier oder fünf Mal auf der Drogenszene aufgegriffen hat. Die Frau bestreitet die Angaben der Polizei, dass seine Festnahmen alle in der Drogenszene erfolgt seien, und wirft der Zürcher Polizei Rassismus vor (TdG, 4.1.99).

Das Verwaltungsgericht rügt die Fremdenpolizei des Kantons Bern aufs Schärfste: „Mehrmals habe das Gericht erwähnt, die pauschale Aussage, jemand habe sich in der Drogenszene aufgehalten, genüge nicht zur Rechtfertigung einer Ausgrenzung. (..) Die Fremdenpolizei" ginge „regelmässig auf die beanstandete Weise vor und hat bislang nicht zu erkennen gegeben, von ihrer rechtswidrigen Praxis abgehen zu wollen". In den letzten vier Jahren, seit Bestehen der Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht, hat die Fremdenpolizei 1'027 Ausländern verboten, die Stadt Bern oder sogar das ganze Kantonsgebiet zu betreten (Bund, 12.1.99).

Das VBS veröffentlicht die Studie ‘Extremismus in der Armee’ im Januar 1999 und kommt darin zum Schluss, eine gewisse Anziehungskraft von Institutionen wie Armee und Polizei auf Rechtsradikale sei heute unverkennbar. Als links- und rechtsextrem müssten etwa drei Prozent aller Rekruten bezeichnet werden, die 1997 in 58 militärischen Schulen in einer Untersuchung befragt worden waren. In den vergangenen acht Jahren sind dem Oberauditor keine militärischen Urteile mit eindeutig extremistischem Sachverhalt eingegangen. Bei vier Fällen dürfte Rassismus eine Rolle gespielt haben. Allfällige Medienberichten würden jeweils abgeklärt.

Während sich die deutschschweizer Medien lediglich darauf beschränken, diese Aussagen wiederzugeben (BaZ/NZZ/TA/Bund, 27.1.99), kritisieren Le Temps und CdG die Studie heftig. Le Temps druckt ein Interview mit dem Journalisten Hans Stutz ab, in dem zwei jüngere Fälle von Rassismus in der Armee widergegeben werden, die im Bericht keine Erwähnung fanden, jedoch durchaus für Schlagzeilen gesorgt hatten. CdG kritisiert die Methodik der Studie scharf: „Ce n’est pas forcément dans de pareilles ocassions que les tenants de thèses extrêmes - xénophobes, racistes ou autres - se mettront le plus volontier à table".

Stutz weiss in der JR vom 28. Januar von zwei weiteren, in der Studie unerwähnten Fällen zu berichten, und bemerkt: „Zuerst werden die Vorgesetzten die rechtsextremistische Gesinnung von Karriereanwärtern überhaupt bemerken müssen". Peter Bollag weist im IW vom 29.1.99 darauf hin, dass die Rassismus-Strafnorm nicht nur im Straf- sondern auch im Militärstrafrecht aufgenommen worden sei.

Eine Woche zuvor hatte der militärische Untersuchungsrichter des Divisionsgerichts 9 Stadler bekanntgegeben, dass sich ein Kompaniekommandant der Rassendiskriminierung im Sinne des Gesetzes nicht schuldig gemacht habe, der sich in einer von ihm geleiteten Übung Milosevic hatte nennen und seine Soldaten kriminelle Flüchtlinge hatte mimen lassen (BZ/ap/sda, 19.1.99)

Ein Rekrut berichtete 1998 in einer Kolumne der Neuen Mittelland-Zeitung vom militärischen Alltag. Am 26.5.98 beschreibt er einen Korporal, der unter Beifall von einigen Kameraden und in Anwesenheit des Kadis anlässlich eines Kompanieabends den rechten Arm zum Hitler-Gruss erhoben und hässlichste Nazis-Slogans von sich gegeben hat. Der Untersuchungsrichter sieht darin keinen strafrechtlichen Tatbestand, da die Tat nicht belegbar sei. Ohnehin sei die Voraussetzung der Öffentlichkeit nicht gegeben: „Am Kompanieabend konnten keine fremden Besucher teilnehmen", fügt Kommandant Rüsch an (NMZ, 2.2.99).

Am 1. Februar wird ein Mann aus Neudorf/LU zusammen mit seiner Frau und den vier Kindern sowie der Haushälterin ausgeschafft, weil er massive Morddrohungen gegen Gemeindeangestellte ausgesprochen hatte. Fünf Tage später geht der Luzerner Regierungsrat und Polizeidirektor Fässler mittels einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit. Die Blick-Schlagzeile am nächsten Tag: „Gewalttätige Ausländer - Luzern schickt sie heim!" Fässler glaubt, dass eine erhöhte Gewaltbereitschaft „zum Repertoire dieses Kulturkreises" gehöre: AusländerInnen aus dem Balkan. Er betont: „Wir waren uns bewusst, dass das eine riskante Botschaft ist" (WoZ, 11.2.99; NLZ/Bund/TA, 6.2.99).

Diese „riskante Botschaft" schlägt sich nicht nur in den lokalen LeserInnenspalten (NLZ, 15./20./23./26.2.99). Auch die überregionale Presse reagiert darauf, indem sie dem Thema hohe Präsenz zuweist. Die WW druckt am gleichen Tag wie die WoZ eine ganzseitige Reportage über Emmen. Der Lead beginnt dramatisch: „Angst geht um in Emmen. Ein Bosnier bedroht Politiker und Beamte". Der Titel: „Es geschieht am hellichten Tag". Im Text: „Die NLZ meldete den Securitas-Einsatz in einer kurzen Nachricht. Der ‘Blick’ machte daraus eine Riesenstory. Die Nation horchte auf" (WW/WoZ, 11.2.99). Auch dieser Mann wird mit der ganzen Familie ausgeschafft (sda, 26.4.99).

In seiner Antwort auf einen Vorstoss im Grossrat wehrt sich die Regierung des Kantons Luzern gegen den Vorwurf der Sippenhaftigkeit. Von einer Ausweisung würden Familienangehörige nur dann mitbetroffen, wenn sie ihre Aufenthaltsbewilligung im Rahmen des Familiennachzugs erhalten hatten (NLZ, 15.6.99).

Unschuldig bestraft werden auch die meisten Mitglieder einer achtköpfigen Familie, die am 12. Januar nach sechsjährigem Aufenthalt in Bern trotz Ausschaffungsstop nach Kosov@ zurückgeschafft wurden. Einem Sohn werden dreizehn nicht näher definierte Vergehen vorgeworfen. Ein Betreuer der Familie meint, die Ausschaffung richte sich gegen eine EJPD-Richtlinie vom 21.6.98, die besagt, dass Angehörige von Straffälligen aus Kosov@ in der Schweiz bleiben können. BFF-Sachbearbeiter Horni kommentiert: „Wir wollten schliesslich die Familie nicht auseinanderreissen" (BZ, 29.1.99; WoZ, 4.2.99; vowärts, 5.2.99).

Der Nationalrat will den gemeinsamen Haushalt mit dem Ehemann als Voraussetzung für den Aufenthalt streichen, wenn die Ausreise aus der Schweiz aufgrund der persönlichen Verhältnisse, zum Beispiel möglicher Misshandlungen durch den Ehemann, unzumutbar ist. 1994 war eine entsprechende Motion in ein Postulat umgewandelt worden und in eine Schublade gelandet (WoZ, 18.4.99; NZZ 18.4.99; Bund, 8.6.99).

Obwohl ein qualifizierter Bauarbeiter alle gesetzlichen Anforderungen für eine Niederlassungsbewilligung erfüllt und eine feste, unbefristete Stelle hat, verweigert ihm die Luzerner Fremdenpolizei den Ausweis C. Begründung: „Bei der gegenwärtigen Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage bietet eine unbefristete Stelle (...) keine Gewähr für eine gesicherte und gefestigte Erwerbstätigkeit. Damit ihm die Niederlassung erteilt werden könne, müsse sich eine Verbesserung der Auftragslage sowie eine Verminderung der Arbeitslosenzahlen im Baugewerbe abzeichnen (Neue Gewerkschaft, 2.2.99).

Im Le Temps vom 9. Februar reagiert die ‘Coordination Intercommunautaire Contre l’Antisemitisme et la Diffamation’ CICAD heftig auf einen Artikel des Oberst i Gst Droz vom Feldarmeekorps 1, der in der Dezember-Nummer der „Revue militaire suisse" erschienen ist und von rassistischen und antisemitischen Klischees übelster Sorte strotzt. In der März-Nummer publiziert die Revue sowohl eine Gegendarstellung der CICAD als auch eine Präzisierung von Oberst i Gst Droz (99.1040: Einfache Anfrage Ziegler: Antisemitische Übergriffe, bzw. Antwort des Bundesrates vom 5.5.99).

AusländerInnen dürfen nicht härter bestraft werden als SchweizerInnen. Das Obergericht des Kantons Zürich hatte den Missbrauch des Gastrechts in der Schweiz straferhöhend berücksichtigt. Das Bundesgericht stellt klar, dass dies gegen Bundesrecht verstösst (Temps, 18.2.99).

Am 3. März stirbt ein junger Palästinenser auf dem Weg zu seinem Ausschaffungsflug in einem Lift im Flughafen Kloten. Die Pressemitteilung der Kantonspolizei zum Vorfall ist knapp (WoZ, 11.3.99). Verschiedene Organisationen verlangen in einem Inserat die sofortige und rückhaltlose Aufklärung des Todes (TA/Bund, 19.3.99). Bereits am 19. Dezember 1998 seien einem psychisch stark angeschlagenen Auszuschaffenden via Venenkatheter mehrfach starke Medikamente verabreicht worden (megafon, 4.99).

Am 9. Mai befreien Flugpassagiere einen Mann während seiner Ausschaffung bei der Zwischenlandung in Yaounde, Kamerun. Zwei Wochen später macht die Polizei die Presse auf den Vorfall aufmerksam, nachdem sie erfährt, eine ausländische Station wolle darüber berichten: „Sie dürfen davon ausgehen, dass unsere Schilderung den Tatsachen entspricht" (Medienorientierung der Kapo Zürich vom 27.5.99; Blick/Bund, 28.5.99). Die Swissair stellt alle Ausschaffungen nach Afrika sowie solche mit Zwischenlandung in Afrika vorläufig ein (TA, 31.5.99).

Schliesslich erstatten am 17. Juni mehrere Personen Anzeige gegen die Zürcher SVP-Regierungsrätin, gegen die unbekannten Polizeibeamten und gegen deren Vorgesetzten (augenauf-Bulletin Nr.25, 6.99).

Anhand eines konkreten Falles geht der SGT der Arbeit der Kantonspolizei bei der Drogenbekämpfung nach. Fahnder sollen zwei Schwarze bei einer Festnahme in St. Gallen misshandelt haben. Die Kritik weist die Polizei zurück, Klagen hier, Gegenklagen dort. Es gibt gesamtschweizerisch einen Nachholbedarf bei der polizeilichen Weiterbildung beim mittleren Kader und bei den Mannschaften. Vor allem sind die Sensibilisierung für Probleme von Menschen aus anderen Kulturkreisen und die psychologische Schulung im Umgang mit Problemfällen nötig. Beide Ansätze stecken in der Schweiz in den Kinderschuhen (SGT, 19.3.99).

Weil er auf Kosten finanziell schlecht gestellter Bevölkerungsgurppen in der Dritten Welt egoistisch seine sexuelle Vorlieben ausgelebt habe, muss ein Sextourist im Kanton Bern für 25 Monate ins Gefängnis. Nur ausnahmsweise verfolgt die Schweiz Straftaten ausserhalb ihres Territoriums. Seit 1996 verzeichnet das Bundesamt für Polizeiwesen BAP pro Jahr etwa 15 Verfahren gegen Sextouristen. Aufgrund eines konkreten Falles, den sie zu beurteilen hatte, ist die Basler Staatsanwältin Melzl überzeugt, die Schweizer Behörden seien schon aus personellen Gründen darauf angewiesen, dass mit den Verhältnissen vertraute Nichtregierungsorganisationen sie unterstützten und lokale Kontakte vermittelten: „Ohne enge Zusammenarbeit mit der Schweizer Arbeitsgemeinschaft Kinderprostitution ‘arge kipro’ (...) wäre das nicht gegangen" (Bund, 27.3.99).

Zehn Tage zuvor hat die ‘arge kipro’ eine Studie über kommerzielle Ausbeutung von Jugendlichen und Kindern in der Schweiz vorgestellt. Anhand von 60 dokumentierten Fällen weisen die zwei AutorInnen Studer und Peter nach: Die Gewalt fängt in der Familie an, bei Mädchen mit Inzest. Die Geschäftsleiterin der ‘arge kipro’ Turtschi im Interview: „Im weiteren ist mir aufgefallen, dass die in der Studie präsentierten Geschichten aus der Schweiz stark an jene, die ich aus dem Ausland kenne, erinnern" (Bund, 18.3.99).

Die kantonalbernische Fremdenpolizei muss zwei 61jährigen bosnischen Eheleuten nachträglich die Niederlassungsbewilligung erteilen, die sie ihnen auf Antrag ihrer Wohngemeine Meiringen im Januar 1998 vorenthalten hatte, weil diese sich zu wenig um Arbeit bemüht hätten. Das Verwaltungsgericht ist da anderer Meinung (Bund, 27.4.99).

Eine wegen Diebstahls angeklagte Brasilianerin bleibt während zweier Monate bis zur Gerichtsverhandlung in Untersuchungshaft, hat während der Haft eine Fehlgeburt, unternimmt einen Suizidversuch, landet in die Psychiatrieklinik Hard und wird anschliessend zu einer bedingten Gefängnisstrafe von drei Monaten verurteilt. Sie hatte 6'000 Franken aus der Wohnung, die sie mit ihrem Freund teilte, entwendet, worauf er sie anklagte. Dann nahm er die Anklage zurück. Aufgrund seiner Aussage, die entwendete Tasche habe ausschliesslich Mietzinse enthalten, die er zuvor im Auftrag eines Hauseigentümers einkassiert hatte, wurde der Diebstahl als Offizialdelikt des Amtes wegen weiter untersucht. Der angeblich vom Diebstahl betroffene Hauseigentümer bezeichnet sich auf Anfrage der Bezirksanwaltschaft als nicht geschädigt. Für das Gericht besteht kein Zweifel an der Täterschaft der Angeklagten. Sie hatte kurz nach dem Verschwinden des Geldes der Grossmutter ihres in Italien lebenden Kindes 6'000 Franken überwiesen. Die Verteidigerin erklärt umgehend Berufung gegen das Urteil (NZZ, 28.4.99).

Nachdem er als Fahrer wegen Beteiligung an einem Überfall 1998 nach Belgrad ausgeschafft worden war (Raubsumme 400 Franken), hatte er versucht, nach Kosov@ durchzukommen. Er hatte dabei zwei Freunde verloren und war daraufhin illegal wieder nach Genf gereist. Nochmals verhaftet, wird er ein paar Tage vor Kriegsausbruch ein zweites Mal ausgeschafft. Am 29. April wird der Betroffene nachträglich begnadigt und dürfte nun in der Schweiz bleiben (CdG, 30.4.99). TdG weiss am 6. Mai zu berichten, er halte sich in einem Camp in Mazedonien auf.

Vorab in den westschweizer Medien werden die Ausschaffungen von „kriminellen Kosovo-Albaner" im März kritisiert. Es handle sich dabei oft um Apfeldiebe oder weniger, wie jener Mann, der zurückgeschafft wurde, weil er sein Auto widerrechtlich auf einem Platz parkiert hatte und von einem Anwohner denunziert worden war. Auch am Tag nach dem Beginn der Nato-Bombardierungen schafft die Schweiz Menschen nach Belgrad aus (Temps, 26.3.99).

„Die Ausweisung wird immer schlechter angesehen. In diesem Stadium hat der Kriminelle die Schulden bezahlt", meint die Zuständige des Justizamtes des Kantons Neuchâtel Robert-Grandpierre. Einem verurteilten Drogenkleindealer hatte der Staat eine Niederlassungsbewilligung erteilt und einen Landesverweis aus Integrationsgründen aufgehoben (Matin, 6.4.99).

Das Bundesgericht weist eine Beschwerde eines muslimischen Mannes ab, der von der Gemeinde verlangt hatte, seine vierköpfige Familie nach islamischen Regeln auf dem öffentlichen Friedhof, also für ewige Zeiten und nach Mekka ausgerichtet, zu bestatten. Das Bundesgericht befasst sich auch mit dem Argument, die schweizerische Praxis führe zur Ausgrenzung religiöser Minderheiten. Das ernstzunehmende Anliegen sei dennoch nicht auf öffentlichen Friedhöfen zu verwirklichen, sondern auf Sonderfriedhöfen, wie es sie beispielsweise in Genf gibt. Nach wie vor hängig ist die Frage eines Muslimfriedhofs in der Stadt Zürich (AZ/NLZ, 8.5.99). Dort lief im Dezember 1998 ein Vernehmlassungsverfahren in Sachen Bestattungsverordnung an (AZ, 5.2.99).

Geheimdienstchef Regli schockiert an einem Vortrag in Schwarzenburg/BE 100 Zivilschützer eines Kaderkurses mit einem Horrorszenario. Zehntausende von Flüchtlinge aus Kosov@ würden die Schweiz überschwemmen; falls Öcalan zum Tode verurteilt werde, seien gewalttätige Ausschreitungen auch bei uns unumgänglich. Der Sprecher des VBS distanziert sich von diesen Aussagen, „wenn sie geeignet waren, den Eindruck der Diffamierung der Vertriebenen entstehen zu lassen" (SB, 2.5.99; Matin, 3.5.99).

Die ‘Schweizerische Liga für Menschenrechte’ stellt schockierende Zustände im Genfer Ausschaffungsgefängnis Favra fest. Die Fälle von Gewalttätigkeiten seitens der Polizei häuften sich auf gefährliche Weise, die Zahl der Insassen sei vervierfacht, die Administrativhäftlinge, die notabene keine Straftaten begangen hätten, würden von den zuständigen kantonalen Ämtern über ihr Schicksal absolut nicht informiert (CdG, 7.5.99).

Am 8. Februar hätte sie eine Biologie-Prüfung machen müssen, stattdessen sitzt sie im Ausschaffungsflug nach Ghana. Am 10. Februar stirbt die Nigerianerin Angela auf dem Weg nach Togo, wo sie Visa für ihr Aufenthalt in Ghana und die Reise nach Nigeria besorgen wollte. Die ehemalige LehrerInnen, die erst ein paar Tage später die Geschichte erfahren, wünschen sich nur eines. Dass eine solche Situation nie mehr vorkomme (CdG, 18.5.99).

In ihrem Jahresbericht 1999 weist Amnesty International erneut auf Vorfälle in Schweizer Polizeihaft hin. Der schwerste Fall betrifft einen Mann, der Strafanzeige wegen schwerer Körperverletzung, geschehen im Juni 1998 in Champs-Dollon, einreichte (NZZ/NLZ, 17.6.99). „Die beschriebenen Straftaten von Ordnungskräften sind alle gegen ausländische Staatsangehörige begangen worden. (...) Die notorische Fremdenangst einiger weniger gehört schnellstens privatisiert, aus dem öffentlichen Diskurs genommen und vom Psychiater behandelt", meint vorwärts am 25.Juni.


Massnahmen gegen Rassismus und Antisemitismus

Die parlamentarische Gruppe gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit lädt am 29. Januar 1999 zu einer Arbeitstagung ein „zur Problematik rassistischer Inhalte in Computernetzen und deren Verhinderung durch rechtliche und technische Massnahmen". Der deutsche Rechtsprofessor Sieber von der Uni Würzburg und Gutachter im inzwischen weltberühmten ‘krassen Fehlurteil’ eines Münchner Richters gegen ‘Compuserve’ führt dem Publikum vor Augen, dass der Kontrollversuch über die Zugangsprovider zwar einen gigantischen Aufwand der Behörden und der Provider bedeutet, dennoch kaum Wirkung zeigt. Die einzige Chance der Rechtsstaaten liege darin, Inhalte an der Quelle zu kontrollieren: im Land, wo der Rechner mit den gespeicherten Inhalten steht.

Die Bundespolizei hat damit Mitte Januar Erfolg. Die Aargauer Internet-Firma Echo AG kippt die Internetseite des Tierschützers Erwin Kessler vom Netz, weil er darin antisemitische Inhalte verbreitet (SB, 17.1.99).

Die ‘Association romande contre le racisme’ ACOR lanciert im Kanton Waadt die Idee eines Observatoriums gegen Rassismus. Dieses soll rassistisches Verhalten beobachten und Lösungen gegen Rassismus erarbeiten (24h, 2.3.99). Die Idee knüpft an das neueröffnete Observatorium der EU in Wine an. Dieses fungiert als Bindeglied zwischen Ämter, Nichtregierungsorganisationen und verschiedenen Verbänden und stellt seinen ersten Jahresbericht im März vor (TdG, 30.3.99). Im Dezember 1998 hatte das europäische Observatorium auf die besorgniserregenden Resultaten einer vergleichenden Studie zur Entwicklung des Rassismus in Europa aufmerksam gemacht. Ein Drittel der Befragten bezeichneten sich 1997 als „sehr rassistisch" (Temps, 4.1.99).

Im März erscheint das Buch ‘À propos du phénomène des Skinheads et du racisme en Suisse’ sowie das Video mit dem Film von Daniel Schweizer ‘Skin or die’. Beide eignen sich als Lehrmittel (Temps, 20.3.99).

CdG stellt am 13. Januar 1999 die Studie ‘Einige Aspekte der antirassistischen Erziehung’ von EKR-Mitglied Cintia Meier-Mesquita vor. Diese erscheint derzeit in französischer Sprache. Über 1'000 Exemplare der deutschsprachigen Version wurden schon bestellt.

Die EKR erachtet aufgrund ihrer bisherigen Tätigkeit Ombudstellen für Rassismus- und Menschenrechtsfragen auf Bundes- und Kantonsebene als dringend notwendig. Probleme könnten durch Vermittlung und nicht auf strafrechtlichem Weg gelöst werden (sda, 26.3.99).

Die Kommission gegen Rassismus des Kantons Wallis löst sich daraufhin auf, weil dort kein Rassismus herrsche. Verantwortliche vom ‘Centre Suisses-Immigrés Valais’ und von ACOR zeigen anhand von Beispielen, dass dies durchaus nicht der Fall ist (CdG, 6.4.99). Auf Initiative der ‘Ligue Internationale Contre le Racisme et l’Antisémitisme’, Valais, treffen sich verschiedene Organisationen und setzen eine Arbeitsgruppe ein, die Alternativen zur abgeschafften Stelle suchen soll (CdG, 27.4.99).

Kurz vor seinem Rücktritt erhält Bundesrat Cotti den Nanny-und-Erich-Fischhof-Preis. Der Preis, der an Persönlichkeiten vergeben werden soll, die „in vorbildlicher Weise mutig ihre Stimme gegen Rassismus, Antisemitismus und jegliche Form von Diskriminierung erheben", wurde von Nanny Fischhof-Barth gestiftet. Ihr Mann Erich floh als Wiener jüdischer Abstammung in die Schweiz und überlebte in seinem Gastland. Die Schwester dagegen, eine „Urschweizer Jüdin", heiratete einen Polen und verlor dadurch das rettende Papier: „Als sie mit ihren Kindern in die Schweiz flüchten wollte, wurde ihr als Ausländerin die Einreise (...) verweigert. Sie wurde mit ihren Kindern in Auschwitz vergast", erzählt Sigi Feigel, Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, in der Eröffnungsrede (NZZ/Blick/NLZ, 27.4.99).

Die BZ kritisiert den Entscheid heftig, Bundesrat Cotti den Preis zu verleihen. „Gerade in der Holocaust-Debatte hat sich der scheidende Aussenminister mehr durch Bremserei als Engagement hervorgetan." Besonders Bundespräsidentin Dreifuss „hätte den Preis verdient: Weniger der Mann, der sich als Aussenminister zufällig mit der Akte befassen musste" (BZ, 27.4.99).

‘Wendekreis’, die Monatszeitschrift der Bethlehem-Mission Immensee, widmet die Juni-Ausgabe dem Thema ‘Rassismus überwinden’. Im Titel steckt auch die Stärke dieser Ausgabe: Es geht nicht nur darum, Rassismus zu analysieren, sondern auch auf Wege und Modelle hinzuweisen, wie in kleinen Schritten Rassismus immer neu zu überwinden ist.


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