Lehrermord in St.Gallen

Der „Lehrermord in St.Gallen" am 11. Januar 1999 erschüttert die gesamtschweizerische Presse. Ein Monat lang berichten die grösseren Zeitungen über jeden kleinen Hinweis auf den flüchtligen Täter aus Kosovo, der „am Lehrer seiner Tochter blutige Rache" nahm (AZ, 12.1.99; NLZ/NLZ/Bund/TdG/AZ, 12.1.99; AZ/NZZ/NLZ/Blick/Temps, 13.1.99; AZ, 14.1.99; SoZ/MD, 17.1.99; NZZ/AZ/NLZ/Bund, 19.1.99). In dieser Zeit erhalten Zeitungen eine Menge LeserInnenbriefe (NLZ, 16.1.99; Bund 19./22.1.99; TA, 22.1.99; AZ, 22./27.1./1./2.2.99), Ende Januar meldet die St.Galler Kantonspolizei massive anonyme Drohungen gegen Personen und Institutionen, aber auch gegen Asylunterkünfte und Klublokale von AusländerInnen (ap, 26.1.99).

Gleichzeitig befassen sich die grossen Zeitungen intensiv mit der Frage nach Kulturkonflikten in der Schule. Bund und TA widmen dem Thema am 13.1.99 die Seite zwei. Le Temps plaziert eine Seite am Anfang des Gesellschaftsbundes. Der Bund doppelt am 16.1.99 in der Gesellschaftsseite mit einem Interview mit dem Berner Ethnologieprofessor Hans-Rudolf Wicker und einem Kommentar nach: "Aggressionen gegen Lehrer: Nicht die Mauern höher ziehen!". Die AZ widmet gleichentags ihre ganze Seite drei dem „Hauptfach Ausländerintegration".

Dem Thema widmet die Berner Zeitung die erste Seite im Regionalbund. Die Schuldirektion der Stadt Bern hat vorerst entschieden, sich nicht am Theaterstück „Als der Mond noch ins Zimmer schien" zu beteiligen, und sagt die sonst üblichen speziellen SchülerInnenvorstellungen ab. Zwar ermordert der im Theaterstück dargestellte Vater niemanden, doch das Liebesdrama zwischen Nuray, einer jungen Kurdin, und Roman, einen von der Polizei gesuchten jungen Freak, hinterlasse ein mulmiges Gefühl, „weil es an den Fall Yildiz erinnert", an jene 19jährige Kurdin, die vor zwei Jahren von ihrem Vater in Köniz/BE ermordert wurde. Auch der jüngste Fall in St.Gallen gehe einem durch den Kopf (BZ, 14.1.99).

Am 19.1.99 strahlt das Schweizer Fernsehen DRS ein dem Thema gewidmetes Gespräch im Sendegefäss Zyschtigsclub, das „eindrücklich zeigt, dass es künftig nicht mehr allein die Sache überforderter Lehrer sein kann, Probleme zu lösen, mit denen sich die Gesellschaft bis heute nicht gerne befasst hat" (Bund, 21.1.99).

Die Zeitungen legen ebenfalls viel Wert auf die Sicht von Betroffenen. Die Weltwoche lässt am 21.1.99 eine kroatische Schriftstellerin sprechen, die NLZ auf zwei Seiten am 26.1.99 einen Vater aus Kosov@, der seit über zehn Jahren in Luzern lebt, eine Mutter von zwei Kindern sowie verschiedene LehrerInnen. Der Bund schildert an einem Beispiel die Rolle eines Lehrers bei Integrationsproblemen. Die BZ widmet der Situation in Bern einen Aufriss auf der ersten Seite ihrer Ausgabe vom 13. Januar. Auf der ersten Regionalbundseite wird der Leiter der Erziehungsberatung Gamper interviewt, der „schon mit Pistolen bewaffnete Väter" erlebte. In einem kleinen Kasten unten rechts zitiert die Zeitung den Verein der albanischen Auswanderer Hasan Prishtina in Bern, der in einer Pressemitteilung verlautbarte, „es entspreche überhaupt nicht dem albanischen Charakter, Konflikte mit Gewalt zu lösen".

Ende Januar verlangt der kantonale Lehrerinnen- und Lehrerverband St.Gallen einen runden Tisch, um „die Bemühungen ihres ermordeten Kollegen (...) für ein besseres Miteinander auf breiter Basis" fortzusetzen (NLZ, 26./271.99; NZZ, 28.1.99). Als erste Massnahme beschliessen Stadt und Kanton St.Gallen, den drei Schulkreisen der Hauptstadt je eine Sozialpädagogin oder einen Sozialpädagogen zur Verfügung zu stellen (NZZ, 12.2.99). Anfangs März sprechen sich die Ostschweizer Erziehungsdirektoren gegen eine dauernde schulische Ausgrenzung von ausländischen Kindern aus und fordern, das Höchstalter für den Familiennachzug herabzusetzen (NLZ, 3.3.99).

In der NZZ werden relativ spät Hintergrundartikel veröffentlicht. In einem halbseitigen Kommentar vom 23.1.99 fragt sich Inlandredaktor Hagenbüchle, ob die interkulturelle Schule gefährdet sei: „Wenn Lehrer sich allein gelassen fühlen mit der Ausländerproblematik, ist das Ausdruck der Tatsache, dass die Bevölkerung als Ganzes sich wenig produktiv mit der Migrationsgesellschaft auseinandersetzt". Am 28. Januar moderiert derselbe Redaktor eine ganzseitige Diskussion zwischen Elisabeth Caspar-Hutter, St.Galler Lehrerberaterin, Andrea Lanfranchi, Leiter der Zürcher Fachstelle für interkulturelle Pädagogik, und Marco Korner, Luzerner Architekt. Ein Monat danach, am 22.2.99, besucht die NZZ eine fünfte Schulklasse der Stadt Zürich, die einen Ausländeranteil von über 80% hat.

Einzelheiten zum Lehrermord in St.Gallen folgen dann im März unter den vermischten Meldungen. Anfangs März nimmt die serbische Polizei den wahrscheinlichen Mörder fest, als er sich Ausweispapiere beschaffen will (AZ/NLZ/NZZ, 2.3.99). Nachdem der gesuchte Familienvater die Tat gesteht, will die St.Galler Untersuchungsrichterin Vogel nach Kosov@ fahren, um ihn vor Ort zu vernehmen (NLZ 3./5.3.99). Schliesslich verlieren sich die Spuren des Mannes in den Nato-Bombardements: Die Stadt Pec, wo er nach seiner Verhaftung gefangen gehalten wurde, ist heute praktisch menschenleer.

Die Tochter ist derweil unter fürsorgerlichen Freiheitsentzug gesetzt worden, die Mutter wegen möglicher Komplizenschaft seit Mitte März in Haft (SoZ, 11.4.99).

Die NZZ nutzt das erste Kinderfest in St.Gallen nach dem Lehrermord, um auf einer ganzen Seite Caritas-Direktor Jörg Krummenacher die Geschehnisse rekapitulieren zu lassen (NZZ, 29.5.99). Zwei Monaten nach der Bluttat versucht die Weltwoche am 11.3.99, den komplexen Sachverhalt ruhiger zu betrachten und Fragen zu stellen: „Am Tag nach dem St.Galler Lehrermord schien alles klar: Ein Kosovo-Albaner ist wieder ausgerastet. Dann schien alles anders, aber ebenso klar: ein Kinderschänder! (...) Auch auf Behördenseite wurden Grenzen überschritten".

Die WoZ widmet ihre Gesellschaftsseite vom 29. April einer Replik zum Artikel der Weltwoche: „Selbstverständlich gibt es kulturelle Unterschiede, wo immer man hinschaut." Von den Medien wurde aber erstens „der St.Galler Mordfall einseitig als kulturbedingter Wertkonflikt interpretiert, und zweitens hat man diese unhaltbare Interpretation als Paradigma für die Darstellung der Integrationsproblematik im Allgemeinen verwendet. (...) Integrationsprobleme haben primär strukturelle, nicht kulturelle Gründe. (...) Sobald wir es für plausibel halten, dass einer nur aufgrund seiner Kultur einen anderen umbringt, so dürfen wir uns auch nicht mehr verwundern, wenn die einen die anderen wegen ihrer ‘anderen Kultur’ ächten, vertreiben oder bekriegen."


Schule

Während in der Region um Schöftland sogar immer mehr Kindergärten schon Deutschunterricht für Ausländer-Kinder anbieten (AZ, 22.1.99), und die Kosten für ein Integrationsklassenprojekt aus Ennetbaden von der Gemeinde übernommen wird, streicht die Gemeinde Emmen je drei Klassen auf Primar- und Orientierungsstufe und kürzt den Zusatzunterricht für fremdsprachige Kinder um 10% (NLZ, 4.2.99). 1997 hatte Emmen bereits das zweite Kindergartenjahr für fremdsprachige Kinder abgeschafft (NLZ, 11.2.99). Im stadtbernischen Untermatt-Quartier werden Kinder im Rahmen eines Pilotprojektes bereits im Vorschulalter in Deutsch unterrichtet (Bund, 8.2./8.6.99). Auf der ganzen ersten Seite thematisiert der Bund am 5. Juni die Lage in diesem Quartier und titelt: „Wenn der Kindergarten zum Ausländergetto wird". Zwei Kindergärtnerinnen fordern eine bessere Durchmischung und zusätzliche Stellenprozente, da 19 von 20 Kindern dort ausländischer Herkunft sind. Im Kasten „Was die Schulbehörde sagt" stellt sich Schulinspektor Ziehli gegen den „Kindertourismus". Der Leiter des Schulamts der Stadt Bern plädiert für eine grosszügige Bewilligungspraxis des Förderunterrichtes: „Der Kanton macht im Spezialunterricht fatalerweise immer mehr Abstriche", sagt die stadtberner Schuldirektorin Omar.

Im Kanton Tessin ist schon vor drei Jahren in allen Tessiner Schulen ein „sostegno pedagogico", eine sozialpädagogische Abteilung, eingeführt worden. Schulen mit fremdsprachigen Kindern erhalten spezielle Lehrkräfte, die die italienische Sprache unterrichten (TZ, 27.1.99). In Genf werden eigens kulturelle Dolmetscher-MediatorInnen (interprètes-médiateurs culturels) ausgebildet. Die Eidgenössische Ausländerkommission schlägt vor, solche MediatorInnen auf breiter Basis einzuführen (TdG, 24.12.98; Temps, 13.1.99). Im Kanton Waadt gibt es seit Jahren eine bosnische interkulturelle Lehrerin-Mediatorin (Temps, 18.1.99).

Ein Postulat der Schweizer Demokraten SD für „eigene Schulklassen für einheimische Kinder" wird im Berner Stadtrat mit 65 zu 4 Stimmen abgelehnt. Ein Zusatzantrag, die SchülerInnen in der Stadt so zu verteilen, dass ihr Anteil in keiner Weise höher als ein Drittel ist, wird ebenfalls abgelehnt und hat als Apartheid-Gedanke ganz klar keinen Platz (Bund, 30.1.99). Der bernische Grosse Rat lehnt ein halbes Jahr später ein Postulat der SD „für eigene Schulklassen für Einheimische" ab (Bund, 26.5.99; TA, 29.6.99). In Biel wird „nach einem erfolgreichen Testlauf" die Verteilung der SchülerInnen zwischen den Klassen eingeführt, wenn ihr Anteil höher als ein Drittel ist (Bund, 5.2.99).

Die Regierung des Kantons Zürichs will keine getrennte Klassen. In einem Bericht zu einer SVP-Motion, die dies für Schulhäuser fordert, in denen weniger als die Hälfte der SchülerInnen fliessend Deutsch spricht, verweist der Regierungsrat auf die Stadt Zürich, die mit kantonalen Beiträgen zeitweise eine zweite Lehrkraft einsetzt (TA/NZZ, 5.2.99). Der Vorstand der SVP des Kantons beschliesst einen Monat später die Ausarbeitung einer entsprechenden Volksinitiative (Bund, 6.3.99).

In einem dreijährigen Projekt sollen 15 Schulen im Kanton zusätzliche Hilfe aus der Bildungsdirektion erhalten: Das sogenannte Quims-Programm (Qualitätssicherung in multikulturellen Schulen) sieht eine Hilfe in sechs Punkten, darunter Sprachförderung, die Integration der Eltern ins Schulleben und in die Lernförderung der Kinder sowie ausserschulische Lernangebote wie Spielgruppen, Mittagstische, Freizeitkurse und Tagesschulen (TA, 19.3./16.6.99; Bund, 20.3.99).

Die Weltwoche beendet ihre neunteilige Serie „Schule in der Krise" mit einem Essay über die Luzerner Schule im St.Karli-Quartier und redet vom „Ende eines schönen Traumes" (WW18./11./4.2.99etc). Im Juni erhält die Schule im St.Karli wieder nationale Beachtung: Der Bundesrat hält in seiner Antwort auf eine Interpellation fest, dass getrennte Schulklassen gegen den in der Bundesverfassung verankerten Grundsatz der Rechtsgleichheit und gegen das Diskriminierungsverbot verstossen. Sie seien eine Grundrechtsverletzung, die vor Gericht eingeklagt werden kann (sda/ap,4.6.99; NLZ, 5./12./18.6.99). Die Interpellantin, EKR-Vizepräsidentin Cécile Bühlmann, erklärt, sie habe lediglich abgeklärt, ob Klagen möglich seien und Chancen hätten. „Jetzt ist für mich klar: Die Chancen wären intakt." Klar ist für die kantonluzernische Schuldirektorin Hartmann jedoch auch, dass im kommenden Schuljahr auch im Schulhaus Grenzhof eine rein fremdsprachige Klasse parallel zu einer gemischten entstehen wird (NLZ, 8.6.99). Mitte Juni geht die Schulpflege hinter die Bücher: „Reine ‘Ausländerklassen’ werden in Kauf genommen" (NLZ, 16.6.99). Die Luzerner Freiheitspartei lanciert daraufhin die Initiative „getrennte Schulklassen für fremdsprachige Kinder - damit unsere Kinder wieder etwas lernen an den Schulen".

Die Luzernische Gemeinde Littau will den Anteil der fremdsprachigen Kinder durch eine bessere Verteilung der Asylsuchenden im Kanton erreichen. Der Gemeinderat hat bereits - gestützt auf einen entsprechenden Regierungsratsbeschluss vom Januar 1999 - beschlossen, die Kinder von neuankommenden Asylsuchenden vor Ablauf von sechs Monaten nicht mehr einzuschulen. Schulverwalterin Greter befürwortet dieses Vorgehen als befristete Lösung und nur für Asylsuchende: „Wenn wir sie einschulen, dann bleiben sie mit grösster Wahrscheinlichkeit in Littau. Das streben wir nicht an" (NLZ, 4.3./24.4.99).

Die Ostschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz EDK lehnt eine dauernde Separation von Ausländerkindern als „Ghettobildung" ab (NZZ, 10.3.99).

Am 17. Mai lädt die Schweizerische Arbeitsgruppe „Schulung von kosovo-albanischen Flüchtlingskindern" der vpod-Lehrberufskommission zu einer Medienorientierung zu einem dringend aktuellem Thema ein. Die Gruppe hat zusammen mit dem albanischen Lehrerverband „Naim Frasheri" ein Konzept zur Schulung der neuankommenden Flüchtlingskindern ausgearbeitet, das auf Erfahrungen von Lehrpersonen und Fachleuten aus Zürich, St.Gallen, Fribourg und dem Tessin beruht. Vorgeschlagen werden besondere Aufnahmeklassen mit je einer schweizerischen und einer albanischen Lehrperson für Kinder im ersten Jahr nach der Einreise. Der Eintritt in reguläre Schulen sollte spätestens nach einem Jahr geschehen und mit albanischsprachigem Ergänzungsunterricht, sowie mit einer schulischen Rückkehrvorbereitung nach dem rechtskräftigem Entscheid verbunden sein. Letzterer sei mit einem Jahr Frist und auf Ende eines Schuljahres anzukündigen (VPOD-Zeitung, 28.5.99; AZ,Bund, 18.5.99; Le Temps, 19.5.99; NZZ, 5.6.99).

Die Gemeinde Menziken befürchtet bei einem solchen Vorgang einen Vollzugsnotstand in vielen Gemeinden (AZ, 8.6.99). Das Aargauische Erziehungsdepartement spricht sich dennoch für die Bildung fünf regionaler Spezialklassen ab August 99 (AZ, 9./11.6.99).

Die Stadt Zürich hat Mitte Januar in einem Pilotprojekt die erste dieser vorgeschlagenen drei Phasen erfolgreich initiiert (sda, 18./29.1.99; NLZ, 19.1.99; AZ, 7.1.99; TA, 30.1.99: NZZ, 30.1.99). Die NZZ ist in ihrem ganzseitigem Artikel „Wie die Schweiz kosovo-albanische Flüchtlingskinder schult" am 5.6.99 voller Lob für die sogenannte Sonderklassen E plus, denen Autor Urs Bühler wegweisenden Charakter zukommen lässt. Im zweiten Teil des Artikels wird ein Pilotprojekt der Caritas Schweiz im Solothurnischen Olten vorgestellt. Dort unterrichten Asylsuchende während fünf Halbtagen pro Woche neuangekommene Flüchtlingskinder unentgeltlich in allen wichtigen Fächern in albanischer Sprache. Einzig für den Deutschunterricht (drei Wochenlektionen) wurde eine Primarlehrerin eingestellt, um die Kinder in das schweizerische Schulsystem einzuführen (AZ, 21.4.99; Bund, 26.4.99).

Der Kanton Waadt hat anfangs Januar „reine kosovo-albanische Klassen" für neuankommende Flüchtlingskinder eingeführt. Das Verhältnis zwischen französisch- und albanischsprachigem Unterricht ist dabei umgekehrt proportional. Die Dauer für den Übertritt in die Normalklasse ist auf drei bis sechs Monate beschränkt, die Lehrpersonen bezahlt (Le Temps, 6.5.99). In einem Tour d’horizont zeigt Le Matin den Stand der Dinge in den Westschweizer Kantonen: In Genf hat eine ad-hoc-Gruppe aus drei Departementen Klassen auf Albanisch und Somalisch eingeführt, die während den ersten zwei Aufenthaltsjahren zwei Stunden pro Woche besucht werden können. Der Kanton Jura sieht eine Begleitung durch zusätzliche Lehrpersonen und Asylsuchende während den ersten drei bis vier Monaten vor. Im Kanton Fribourg hat eine staatsrätliche Kommission bereits Aufnahmeklassen im ‘Zürcher Modell’ eingeführt. In Neuchâtel existiert zwar ein Team, das aber die zukünftigen Entwicklungen abwartet. Wallis will mit einem entsprechenden Entscheid ebenfalls abwarten (Matin, 29.4.99; TdG, 26.4.99).

Am 21. Mai 1999 tagt der Dietiker Gemeinderat einen ganzen Abend. Diskutiert wird über drei parlamentarische Vorstösse zu Schulfragen. Viel zu reden gibt der SVP-Vorstoss von Ende 1998, der die Einführung von neuen Klassen für Kinder mit guten Deutschkenntnissen vorsieht. Schliesslich einigt sich das Parlament auf den Gegenantrag der Schulpflege, zwei weitere Stellen für Zusatzunterricht zu schaffen (TA/NZZ, 22.5.99).

Im dritten Teil der Serie ‘Fremdsprachige Kinder’ stellt das ‘VPOD-Magazin für Schule und Kindergarten’ eine Übersicht über Vorstösse in Gemeinden, Kantonen und beim Bund sowie über Initiativen von Berufsorganisationen und Gewerkschaften zusammen. Zudem wird die Antwort des Bundesrates vom 31. Mai wiedergegeben, die feststellt, dass getrennte Klassen aufgrund sprachlicher Unterschieden eine einklagbare Grundverletzung ist, und präsentiert das Projekt „Schulung von kosova-albanischen Flüchtlingskinder" (VPOD-Magazin, Nr.112/Juni 1999).

Der erste Teil der Serie beinhaltet einen statistischen Überblick zum Anteil ausländischer SchülerInnen in den diversen Schulstufen und nach Kantonen sowie fünf Ansätze integrativer Projekte in multikulturellen Schulen. Ein Beitrag stellt ein konkretes Projekt des Pestalozzi-Schulhauses in Rorschach vor (VPOD-Magazin, 110/Februar 1999). Im zweiten Teil finden sich verschiedene Literaturhinweise, analytische Hintergründe und ein Beitrag zur Elternarbeit, die für den Schulerfolg entscheidend sei (VPOD-Magazin, 111/Mai 1999).


Zigeuner/Fahrende

ACOR, Association romande contre le racisme, kritisiert eine Broschüre heftig, die im Sommer 1998 von der Waadtländer Polizei an 22'000 SeniorInnen verteilt worden war. Aufgrund einer Meldung in 24 heures aus dem 1991 warnt die Broschüre vor „diebischen Zigeunerinnen aus dem Osten". 24 heures kritisiert ihrerseits ACOR: „La manière de se vêtir des Tsiganes est une information pour les futures victimes. S’il s’agissait de Thurgoviennes en costume folklorique, on le dirait aussi" (24h, 15.1.99).

Sowohl im Stadtparlament wie auch im Einwohnerrat von Liestal/BL geben die Pläne für einen Durchgangsplatz für Fahrende zu reden. Die Schaffung eines solchen wird in beiden Räten schliesslch gutgeheissen. Das letzte Wort hat das Liestaler Stimmvolk (BaZ, 29.1./28.5.99).

Mühe mit der Verwirklichung einer Empfangsstelle für Fahrende bekundet auch der Staatsrat von Freiburg. Zwar ist bereits im Budget 98 ein finanzieller Beitrag vorgesehen, doch bislang hat nichts Konkretes verwirklicht werden können, weil die Gemeinden tausend Gründe erfinden, nicht auf die Anfrage des Staates einzutreten, wenn ein Platz bei ihnen in Frage kommt. (FN, 17.2.99).

Auch im Misox ist für ein Durchgangsplatz „keine Lösung in Sicht" (Scharotl, 3.99): In einer Petition, die im letzten Herbst von 300 Personen unterzeichnet worden war, forderte das „Komitee zur Verteidigung und zum Schutz des Gemeindegebiets" von San Vittore die Kantonspolizei auf, gegen Fahrende zu intervenieren, sollten diese die Absicht haben, in San Vittore für einige Tage Station zu machen. Ansonsten würden sie sich legitimiert fühlen, selbst gegen die Fahrenden vorzugehen (Südostschweiz, 18.2.99).

In seiner März-Ausgabe stellt Scharotl das im Beobachter (4/99) erschienene Porträt eines Baselbieter Sinti vor, der mit elf Jahren Opfer der Aktion ‘Kinder der Landstrasse’ wurde und nun erneut vertrieben werden soll. Obwohl 200 Personen im Dorf für sein Verbleib unterschrieben haben, erreichen Umweltschützer seinen Abgang auf gerichtlichem Weg: „Die Vorurteile wurzeln tief".

Streit um die Senkung des jährlichen Mietzinses im Standplatz Buech im Stadtrat von Bern. In ihrer Beantwortung einer dringlichen Interpellation seitens der SVP muss sich die Finanzdirektorin verteidigen: Die Fahrenden erhalten „nicht höhere Fürsorgezuschüsse für ihre Wohncontainer als sesshafte Fürsorgeabhängige für ihre Wohnungen" (Bund, 18.3./10.4.99; BZ, 9.4.99).

Enttäuschung im Zürcher Gemeinderat, diesmal aufgrund einer Antwort des Stadtrates auf eine Interpellation einer grünen Gemeinderätin. Die Schaffung eines offiziellen Durchgangsplatzes für Fahrende hätte eine falsche Signalwirkung. Dem Rat scheint es sinnvoller, ad hoc und nach Bedarf solche Areale zur Verfügung zu stellen (NZZ, 12.4.99). Ein analoger Vorstoss war vor 16 Jahren vom Stadtrat gleich beantwortet worden (NZZ, 27.5.99).

Birmensdorf stellt Fahrenden einen Durchgangsstandort ausserhalb der Badesaison zur Verfügung. Ein zweiter Ort befindet sich auf dem Chilbiareal in Schlieren. In Dietikon existieren Durchgangsstandorte sowie ein Standplatz von fünf Familien während der Winterzeit (Limmattaler Tagblatt, 4.5.99).

Ein 64jähriger Fahrender wird wegen vorsätzlicher Tötung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der Fahrende war jahrelang von Jugendlichen angegriffen worden. Ein Schuss, den er am 7. Februar 1997 auf die Gruppe gefeuert hatte, zerfetzte die Schlüsselbeinarterie eines Jugendlichen, der daraufhin verblutete. Dessen Familie erhält nun eine Entschädigung von 50'000 Franken zugesprochen. Beide Parteien gelangen ans Bundesgericht (NZZ, 27.4.99; TA, 5./6./12.5.99; WW, 10.6.99).

Eine Leserbriefschreiberin wird vom Kreisgerichtsausschuss Chur freigesprochen. Sie hatte sich im Oktober in der Südostschweiz zu Mengels Vererbungslehre bekannt und behauptet, dass Jenische mit erblicher Geisteskrankheit belastet seien. Da der Begriff Geisteskrankheit nirgens im Leserinbrief zu finden sei, sieht das Gericht eine Verletzung der Antirassismusgesetzgebung nicht als erwiesen an. Der Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse will das Urteil weiterziehen: „So wird der Antirassismus-Artikel zur Farce" (Südostschweiz, 7.5.99).

Einen heilsamen Schock sieht Historiker und Buchautor Thomas Huonker in der kritischen Studie von Willi Wottreng zur Zürcher Irrenanstalt Burghölzli, die in Buchform unter dem Titel ‘Hirnriss. Wie die Irrenärzte August Forel und Eugen Bleuler das Menschengeschlecht retten wollten’ erschienen ist. Bei seinen Recherchen erhielt Wottreng allerdings „keinen uneingeschränkten Zugang zu den umfangreichen Archivalien des Burghölzli. Er konnte nur in publiziertem Material und älteren Fallgeschichten aus dem behördlichen Umfeld recherchieren. Deshalb bricht die Darstellung - mit dem Tode Eugen Bleulers im Jahr 1939 und der Enennung von dessen Sohn Manfred als Burghölzli-Direktor 1941 - dort ab, wo auch in der Schweizer Psachiatrie mit der Einführung von Elektroschock, Insulinschock und Lobotomie neue, menschenverachtende und brutale Therapien eingeführt wurden." Bleulers Nachfolger „Maier, ein Scharfmacher betreffend Sterilisierung und Kastration von ‘Minderwertigen’, ‘sexuell Haltlosen’ und ‘Asozialen’ musste 1941 als Burghölzli-Direktor zurücktreten, weil er sein Direktionsbüro zur ausserehelichen Schwängerung einer Praktikantin zweckentfremdet hatte" (WW, 6.5.99).

Ein Postulat an den Bundesrat, einen Bericht über die Zwangssterilisation in der Schweiz zu erstellen, scheitert im Nationalrat mit 50 zu 48 Stimmen (NZZ, 18.6.99).

Am 22.5.99 werden in Glattfelden/ZH frühmorgens die Wohnwagen von Fahrenden mit Steinen beworfen. Schweiz aktuell sendet am 24.5.99 einen Beitrag zu diesem Übergriff und lässt einen Jenischen erzählen. Obwohl dabei ein Schuss fiel, erschien die Kantonspolizei mehrere Stunden später am Tatort und wiegelt auf Anfrage ab: „Eine ganz gewöhnliche Sachbeschädigung", erklärt der Mediensprecher der Zürcher Kantonspolizei. Die WoZ sieht anfangs Juni einen Zusammenhang zwischen diesem Übergriff und den fünf Angriffen gegen die Asylunterkunft in Rümlang sowie weiteren Attacken, die sich im Zürcher Unterland abgespielt haben.

Der Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, Herr Huber, tritt mit sofortiger Wirkung aus dem Beirat des Schweizer Fonds zugunsten bedürftiger Holocaust-Opfer. Auseinandersetzungen über knappe Mittel, Beitragskürzungen und die Korrektur der Richtlinien hätten laut Huber die Auszahlungen an die Opfer zum Erliegen gebracht (ap/sda, 16.6.99). „Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Zusammenarbeit der Fondsorgane und deren Entscheidfindung sich recht weit von dem entfernt haben, was mit der bundesrätlichen Verordnung, die der Arbeit zugrunde liegen sollte, vorgegeben wurde. Dass das bisher noch nicht in die Öffentlichkeit gedrungen ist, liegt einzig daran, dass niemand ein Interesse hat, die heikle Arbeit der Fondsleitung zusätzlich zu belasten" (NZZ, 17.6.99).

Die zweite Nummer von Scharotl im Juni 99 ist dem Thema „Ausländische Fahrende in der Schweiz" gewidmet. Während San Vittore mit Schranken die Zufahrtsstrassen zu dem von den Fahrenden bevorzugten Grundstück vorgeht (Südostschweiz, 23.4.99), eröffnet das Tessin in der Nähe der Kaserne von Losone einen Standplatz für sechs oder sieben Wohnwagen, allerdings „nur bis Ende Mai, nur dieses Jahr und nur, weil derzeit Umbauarbeiten stattfinden" (TZ, 24.4.99). Schliesslich zitiert die ‘Zeitung des jenischen Volkes’ die Solothurner Zeitung vom 14.5.99: Innerhalb der Autobahnauffahrt Kriegstetten soll internationalen Fahrenden ein Feld zur Verfügung gestellt werden. Acht angrenzende Gemeinden wehren sich in einer Stellungnahme gegen das Projekt, weil „traditionelle Vorbehalte" zutage getreten sind.


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