Reisen gegen
Manipulationen

 Augenzeugenbericht aus Badolato, Süditalien

Januar 1998

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort, Cornelius Koch, Kaplan

Augenzeugenbericht, Guido Gorret, Europäisches Bürgerforum

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Europäisches Bürgerforum
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Cornelius Koch, Kaplan
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Reisen gegen Manipulationen

 

"Kurden gegen Lawinen"

Beim Kirchenasyl für Kurden in Neuenburg vor 10 Jahren sagte Friedrich Dürrenmatt: "Die Bergregionen der Schweiz entvölkern sich. Die Menschen wandern ab. Die Bergregionen verganden. Überschwemmungen und Lawinen nehmen zu: geben wir doch den Kurden unsere verlassenen Bergregionen. Kurden gegen Lawinen!"

Am 27. Dezember 1997 strandete das Schiff "Ararat", das aus der Türkei kam, mit einigen hundert Flüchtlingen an Bord in Süditalien. Der Empfang der Männer, Frauen und Kinder wurde unbürokratisch und schnell durch die lokalen Behörden, Vereine und zahlreiche Bürger an die Hand genommen.

In Badolato (Provinz Catanzaro) wurden 200 Flüchtlinge in der Schule untergebracht. Die Gemeinde konnte mit der Hilfe der Bevölkerung bereits 20 Familien im Dorf unterbringen. Der Bürgermeister hofft, dass diese unerwartete Ankunft eine Chance für die Region ist, die von der Abwanderung betroffen ist. 1950 zählte das Städtchen 6930 Einwohner, heute sind es nur noch 624, von denen 40% pensioniert sind.

Badolato, diese süditalienische Provinzstadt, ist nicht direkt von Lawinen bedroht, wie Dürrenmatt meinte, wohl aber von der Abwanderung! Die Ankunft der Kurden war hochwillkommen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, dem Flüchtlingsdrama in diesem ausgehenden Jahrtausend zu begegnen. Die eine ist die Abschottung in der "Festung Europa", um die Flüchtlinge abzuschrecken, zu quälen und zu Kriminellen zu stempeln. Die CSU in Bayern erwägt neuerdings ein generelles Heiratsverbot für

Flüchtlinge!

Der andere Weg ist Badolato: sie willkommen zu heissen als eine Jugend in unserem alternden Kontinent.

 Die schweizerische Flüchtlingspolitik
ist heute an einem Tiefpunkt

Wir erinnern an die grauenhaften Szenen über den algerischen Flüchtling aus dem Ausschaffungsgefängnis von Kloten. Sie wurden von der "Rundschau" dokumentiert. In panischer Angst hatte der Flüchtling XY versucht, sich mit Rasierklingen umzubringen, um der drohenden Ausschaffung zu entgehen. Alles half nichts. Er wurde in eine Zwangsjacke gesteckt, mit Handschellen und Fussketten gefesselt, die Augen wurden ihm verbunden und der Mund mit Heftpflaster zugeklebt. So wurde dieses menschliche Häuflein Elend von zwei Schweizer Poli-zisten ins Flugzeug geschleppt. Als der "Rundschau"-Journalist Bundesrat Koller fragte, was er zu diesen fürchterlichen Bildern meinte und ob man als Schweizer angesichts der Kritik an unserer Flüchtlingspolitik im 2. Weltkrieg sich nicht schämen müsse, antwortete der Bundesrat: "Ich habe auch keine Freude an diesen Bildern, aber man darf nicht vergessen, dass es bei der Ausschaffung der Kurden von Flüeli-Ranft 1991 in der Öffentlichkeit ein viel grösseres Geschrei gab." Denen gehe es ja gut, es sei ihnen gar nichts passiert in der Türkei.

Es stimmt nicht, dass es den Kurden von Flüeli-Ranft gut geht. Einige wurden nach ihrer Ankunft gefoltert. Zwei Familien sind nach Deutschland geflüchtet und dort untergetaucht. Ein Bundesrat darf sich wohl irren, aber nicht lügen.

Braucht es wirklich wieder Massaker, wie vor einigen Jahren in Halabja, als Tausende von Kurden, Männer, Frauen und Kinder, den Gastod starben, damit die Öffentlichkeit Mitleid hat?

Die Invasion ist ausgeblieben. Die künstlich entfachte Hysterie aber trifft nicht die Kurden allein - sondern auch die algerischen Flüchtlinge. Die europäischen Grenzen sind ihnen verschlossen, auch die der Schweiz. Hüben und drüben werden Geschäfte mit den Folterern der Kurden und mit den Folterern der Algerier getätigt. All dies unter dem ängstlichen Schweigen der europäischen Regierungen, auch des Bundesrates.

Tausend Kurden sind gekommen, vielleicht kommen weitere Tausend aus dem Nordirak und der Türkei, aber niemals die Zehntausenden, die der deutsche Innenminister Manfred Kanther heraufbeschworen hatte. Wochenlang diktierte Kanther die Asylpolitik Europas, auch die Schweiz machte den Kniefall vor Kan-ther. Die Grenzen wurden vorsorglich geschlossen, man sprach davon, die Armee an die Grenze zu schicken. Der Unteroffiziersverein und der Grenzwachkorps vom Tessin forderten kürzlich an einer Sitzung die sofortige Entsendung der Armee an die Grenze und abonnierten sich vorsorglich an einige süditalienischen Lokalzeitungen, um zu wissen, wann allenfalls - mit dreiwöchiger Verschiebung - die "Invasion" stattfinden werde. Wir haben auch erfahren, dass ein Tessiner Zöllner in seiner Freizeit mit seinem Schäferhund auf Flüchtlingsjagd geht, um ein paar arme Teufel zu erwischen.

 Heute wird der ehemalige Polizeichef Paul Grüninger bis in die offiziellsten Kreise hinein gefeiert. Müsste einem nicht die Röte ins Gesicht steigen ob der Widersprüche zwischen den öffentlichen Ehrungen für Paul Grüninger und der brutalen Wirklichkeit? Müssten nicht unsere Tessiner Zollbeamten, Polizisten und Grenzzollbrigaden, wissend, dass 90% der Asylpolitik sich im Tessin abspielt, an ihre Eigenverantwortlichkeit ermahnt werden? Jeder Schweizer Grenzbeamte hat Herz, Gewissen und Verstand, auch er ist dem Urteil der Geschichte und seines Gewissens unterworfen. Er kann seine Eigenverantwortung nicht nach Bern abdelegieren. Wohin blinder Automatengehorsam führen kann, hat uns die Geschichte des 2. Weltkrieges bewiesen. Wir erwarten von ihnen, dass sie Paul Grüninger nachahmen und den Freiraum, den ihnen die Gesetze lassen, voll im Sinne der Menschlichkeit ausnützen.

 Die Haltung der italienischen Polizisten in Kalabrien hat uns sehr gefreut. Als die kurdischen Flüchtlinge auf der "Ararat" antrafen, verzichteten sie auf die Entschädigungen für die Überstunden und schenkten sie den Flüchtlingen.

 Bella Italia! Du verdienst alle Menschenrechtspreise der Welt für deine herrliche Haltung gegenüber den Flüchtlingen!

 Wir freuen uns über die Resolution des Europa-Parlaments vom 15. Januar 1998, in der es der italienischen Regierung für ihre Solidarität und ihre Menschlichkeit beim Empfang der kurdischen Flüchtlinge gratuliert. "Das Europa-Parlament freut sich über die Bereitschaft der italienischen Behörden, jeden Asylantrag der kurdischen Flüchtlinge wohlwollend zu prüfen, in Anbetracht der besonderen Umstände, die in ihrer Heimat herrschen."

 Appell

Wir appellieren an die Schweizer Gemeinden, an die französischen, an die deu-tschen und an die österreichischen Gemeinden: macht das gleiche wie Badolato! Aus der gefährlichen Situation, die die Flüchtlingsnot, aufgebauscht von Populisten wie Haider, Blocher, Le Pen und Kanther für uns schaffen könnte, gibt es einen Ausweg: die Öffnung! Badolato hat uns das gezeigt.

 Schreiben Sie Solidaritätsbriefe an den Bürgermeister Badolatos, schicken Sie ihm Geld. Alle müssen wissen, dass diejenigen, die den selben Weg beschreiten wie badolato, auf die Solidarität aus ganz Europa zählen können. Schliessen Sie Patenschaften mit Badolato und mit allen anderen Gemeinden, die dasselbe tun. Sollte wieder ein Schiff mit Kurden in Süditalien stranden (es werden nicht viele sein), informieren Sie sich selber an Ort und Stelle, wie es drei Europaparlamen-tarier und wie wir es taten, damit wir nicht wieder Opfer von Manipulationen und Hetztiraden werden.

"Reisen gegen Manipulationen", dazu möchten wir Sie ermuntern!
Und schaffen wir 10, 100, 1’000 Badolato!

 Augenzeugenbericht aus Badolato

 

Geliebtes Land, mein Land,
meine verlorene Liebe...
...Ich könnte bis zu dir laufen
selbst mit eisernen Schuhen.
Aber ein subtiler Strich trennt uns.
Der Eindringling nennt ihn Grenze.
Henin, kurdischer Dichter (1921-86)

Rom, den 30. Januar 1998

Lieber Kaplan Koch,

Ihre Idee, "einmal vorbeizuschauen" war wirklich ausgezeichnet.

Hier nun der Bericht über unsere Reise nach Kalabrien vom 24. bis 26 Januar 1998.

 Am 27. Dezember 1997, strandete der "Komet" an der Küste des Ionischen Meeres am äussersten Südzipfel Italiens. Auf diesem Schiff mit bezeichnendem Namen, von einem Hafen im Orient ausgelaufen, waren aber nicht die Heiligen drei Könige. Männer, Frauen und Kinder befanden sich auf dem alten Boot. Die grosse Mehrheit von ihnen floh aus der Region, welche die Archäologen auf der Suche nach alten Zivilisationen Hochmesopotamien nennen, die heutige Osttürkei, Nordirak oder -iran, je nach Definition der Regimes, die die Grenzen in kurdischem Land gezogen haben.

Sie kamen nach Italien während der Vorbereitungen der Neujahrsfeiern. Westeuropa bereitet sich auf die Einheitswährung vor, das Ziel heisst Konvergenzkriterien. In den Dörfern Kurdistans zählt nur, zwischen Milizen und Armee, Personenminen (die zum Grossteil in Italien hergestellt werden), Panzern und Flugzeugen am Leben zu bleiben.

Der Krieg Ankaras gegen die kurdische Guerilla weitet sich auf das Nachbarland aus. Im Irak trifft das UNO-Embargo die Ärmsten, Saddam Hussein unterdrückt die Minderheiten und die Opposition.

Die Medien stürzten sich auf die unvorhergesehene Ankunft der Kurden am Jahresende. In den europäischen Hauptstädten wurde eifrig polemisiert. Aus de-magogischen und wahltechnischen Gründen drohte der deutsche Innenminister Kanther mit dem Gespenst der Invasion und erfreute die "padanischen" Rassisten mit seinem Vorschlag, zwischen dem Norden und dem Süden Italiens Polizeikontrollen einzuführen.

Glücklicherweise sind die Reaktionen in Kalabrien ganz anders. Die Einwohner, die Gemeinden, selbst die Präfekturen nehmen die Flüchtlinge auf. Wir beschlossen, an Ort und Stelle die wahren und falschen Informationen zu überprüfen, welche die Polemiken weit entfernt von den kalabrischen Dörfern schürten.

 In Badolato, nahe am Meer, leben 3476 Einwohner in Häusern, die in den sechziger Jahren mit dem Geld der Emigranten gebaut worden waren. Im oberen Teil des Dorfes auf dem Berg leben nur noch 624 Personen, davon 40 Prozent Rentner. Im Jahr 1950 zählte Badolato Superiore 6930 Einwohner, direkt am Meer lebten nur 70 Personen. Die Vizebürgermeisterin Frau Lagan, koordiniert seit einem Monat die Betreuung der 211 Flüchtlinge in der ehemaligen Schule. Verpflegung, medizinische Versorgung und die Austeilung der Mahlzeiten wird von freiwilligen Helfern und vom Zivilschutz besorgt. Vier bis fünf Polizisten sind ständig anwesend.

Den Aussagen der Dorfbewohner zufolge hat sich die Stimmung mit einem Schlag geändert: Kinder spielen in den Gassen, junge Männer spielen Fussball auf dem Hauptplatz, in den vier Cafés findet man Kurden und Kalabrier.

Der Bürgermeister, Gerardo Mannello, der im April 1997 als Kandidat einer "Bürgerliste" gewählt wurde, zeigte uns stolz die zwölf Häuser, welche den kurdischen Familien von den Dorfbewohnern gratis zur Verfügung gestellt wurden. In einigen Wochen - nach kleinen Umbauarbeiten - werden es acht mehr sein. Anlässlich eines kürzlich erfolgten Besuches hat die Sozialministerin Livia Turco eine Milliarde Lire für die Renovierung der Wohnungen versprochen.

Im Gegensatz zu einigen bekannteren politischen Persönlichkeiten, die in reicheren Regionen leben, denkt der Bürgermeister von Badolato, dass die Ausländer ein Glück für sein Dorf sind. Später, wenn die Einwanderungsformalitäten abgeschlossen, die Kinder in der Schule und die Wohnungen renoviert sind, können die Kurden an der Oliven- und Orangenernte teilnehmen und mittelfristig die Wirtschaft des Dorfes wiederbeleben, die zur Zeit von zwei Monaten Touristensaison lebt.

Der Bürgermeister erhielt zahlreiche Briefe aus ganz Italien, die ihn zu seiner Vorgehensweise und seinen mutigen Stellungnahmen beglückwünschen und einige, in denen er beschimpft wird. Andere Dörfer wollen nun dem Beispiel von Badolato folgen und die Asylbewerber aufnehmen.

Vorläufig haben die Gemeindebehörden keine Schwierigkeiten mit Präfektur und Regierung, was wird aber, wenn das Interesse der Medien nachlässt? Wir haben dem Bürgermeister diese Frage gestellt, der uns versicherte, er werde dafür sorgen, dass von seiner Gemeinde geredet wird, selbst wenn er dafür "bis nach Brüssel" fahren müsste.

Und der optimistische Herr Mannello zeigte uns ein junges kurdisches Ehepaar und deren neugeborene Tochter Angela, die in der Entbindungsstation von Soverato auf die Welt gekommen war. Angelo war der Name des Polizisten, der es dem Paar ermöglicht hatte, in der Zeit nach ihrer Ankunft zusammenzukommen, obwohl Männer und Frauen getrennt worden waren. Bemerkenswert war auch die grosszügige Geste der Polizisten, die über das Rote Kreuz den Flüchtlingen die Gehälter für ihre zahlreichen Überstunden zukommen liessen.

 In Soverato hingegen, dem Hauptort der Region mit 10.000 Einwohnern, ist die Situation für die 190 kurdischen Männer, die dort gestrandet sind, weitaus dramatischer. Trotz der Bemühungen der Gemeindebehörden werden sie immer noch im Sportzentrum festgehalten. Nur die Hälfte von ihnen hat bisher einen Asylantrag gestellt. Dem Präfekten, Herrn Vincenzo Gallito, zufolge werden sie ein bis eineinhalb Monate brauchen, um Papiere zu bekommen.

Die Promiskuität auf diesem engen Raum zwischen Kurden verschiedener Regionen ist explosiv. Die ausgezeichnete Organisation der freiwilligen Helfer, die sich um die Nahrungsmittelversorgung und um den medizinischen Beistand kümmern, kann die Bewegungsfreiheit nicht ersetzen. Wir wohnten einer Auseinandersetzung zwischen der Gemeinderätin Adriana Lerro, die für soziale Angelegenheiten zuständig ist, und einem Vertreter der Präfektur bei; die Gemeinde schlägt vor, dieses Lokal so schnell wie möglich zu räumen und stützt sich auf die Vorschläge der benachbarten Gemeinden, Flüchtlinge bei ihnen aufzunehmen. Die Präfektur ihrerseits argumentiert mit der öffentlichen Ordnung, um die Dinge zu belassen, wie sie sind. Sie wollen angeblich die Flüchtlinge nach "echten Flüchtlingen" und infiltrierten Kleinkriminellen und Schleppern "sortieren". All dies führt zu einer gespannten Situation, unter welcher die Flüchtlinge leiden. Es war der einzige Ort, an dem man uns verbot zu fotografieren.

Frau Lerro hat uns in der Zwischenzeit informiert, dass das Sportzentrum evakuiert und die Asylbewerber nach Badolato, Gagliato und Lamezia sowie nach Cropano in ein überwachtes Zentrum gebracht wurden.

 In Gagliato, einem kleinen Dorf im Hinterland, wurden 108 Kurden in einer ehemaligen Schule untergebracht. Diese Gruppe besteht hauptsächlich aus Frauen und 70 Kindern, es waren nur fünf Familienväter da. Die anderen waren zum Zeitpunkt unseres Besuches noch in Soverato. Gregorio Aiello, ein junger Seminarist, der für die Caritas arbeitet, empfing uns hier. Auch in Gagliato kümmern sich freiwillige Helfer um die Versorgung der Flüchtlinge, ausserdem organisieren sie noch Alphabetisierungskurse für die Kinder. Das einzige Problem, das heute gelöst scheint, war die Zusammenführung der Familien. Der Koordinator zeigte uns das Lager mit den Nahrungsmitteln, die von der Bevölkerung zur Verfügung gestellt worden waren: "Es gibt schon zu viel, wir haben sie gebeten aufzuhören". Auch für die Betreuung gab es so viele Angebote, dass ein Turnus organisiert wurde.

In Lamezia fanden 200 Männer Zuflucht, dank einer Kooperative namens "Trotz allem", die sich sonst um Behinderte und Drogenabhängige kümmert. Alle haben einen Asylantrag gestellt und warten auf das Ergebnis in bequemen Unterkünften, wo sie kochen oder zum Zeitvertreib Fussball spielen. Sie befinden sich in einer halbfreien Situation, aber unter wesentlich angenehmeren Bedingungen als in Soverato, die aber trotzdem längerfristig unhaltbar sein werden.

 In zwei Tagen haben wir alle Empfangszentren von Kalabrien besucht, es gibt aber noch andere an der apulischen Küste, gegenüber Albanien. Wir sprachen darüber mit dem Verantwortlichen einer NGO namens Movimondo, Herrn Giuseppe Spedicato. Im Frühjahr 1997 konnten wir uns bereits von ihrer Effizienz beim Empfang der Albaner überzeugen. Er erklärte uns, dass die Ankunft von kleinen Gruppen, die von Schleppern geführt werden, schon zur Routine geworden sind und dass sich die Caritas mit den lokalen Behörden um alles kümmert. Die Bevölkerung und die Medien stehen dem völlig gleichgültig gegenüber. Unser Gesprächspartner bedauerte diesen Mangel an Aufmerksamkeit, vor allem in bezug auf die Flüchtlinge aus Sri Lanka, von denen die meisten Spuren von Folterungen aufweisen.

 Ausser in Soverato konnten wir uns mit den Kurden unterhalten, die alle ein wenig Englisch oder Deutsch, selten Französisch sprechen. Alle brachten ihre Anerkennung für die italienische Regierung und vor allem für die freiwilligen Helfer, die ihren Empfang organisiert hatten, zum Ausdruck. Keiner von ihnen sprach davon, nach Nordeuropa weiterreisen zu wollen. Die irakischen Kurden scheinen entschlossen, sich in die kalabrischen Dörfer zu integrieren. Ihr Bildungsniveau ist dem der Türken weitaus überlegen.

Keiner von ihnen leugnet, schon lange auf eine Ausreisemöglichkeit gewartet zu haben. Diesmal klappte es, weil die Türkei über die Flüchtlinge Druck auf die Europäische Union ausüben wollte, die sie aus der Warteliste zur Aufnahme ins "reiche" Europa gestrichen hatte. Es gibt sicherlich noch viele Ausreisekandidaten, doch die türkischen Behörden haben jetzt die Grenzen wieder gesperrt. Alle Flüchtlinge erklärten ebenfalls, dass sie für ihre "Kreuzfahrt" an die 5.000 D-Mark pro Person an Schleppermafias sowie Schmiergelder an die türkische Hafenpolizei zahlen mussten. Ihre Anspielungen auf die politische Situation waren sehr vorsichtig. Ein Türke machte uns darauf aufmerksam, dass die Marine seines Landes zur Zeit unter der Leitung der NATO mit der italienischen Marine gemeinsame Manöver durchführe.

Die italienischen Behörden verhalten sich äusserst human den Flüchtlingen gegenüber. Abgesehen von der Lega Nord versucht auch niemand, die Situation politisch auszunützen. Die Erinnerung an die eigene Emigration ist vielleicht ein Grund hierfür.

Zum Abschluss, lieber Kaplan Koch, glauben wir, dass die Vorgehensweise der kalabrischen Gemeinden verdient, bekannt gemacht zu werden. Ausländer, die Asyl suchen, werden als Glück für die verlassenen Regionen angesehen. Sie dürfen nicht als Wirtschafts- oder Sicherheitsproblem behandelt werden. Die "Methode Badolato" muss sich herumsprechen und unterstützt werden. Dieses arme kalabrische Dorf hat gezeigt, dass eine andere Haltung möglich ist. Es darf in seiner Solidarität mit den Flüchtlingen nicht alleine dastehen, gerade wenn sich die Scheinwerfer des aktuellen Zeitgeschehens wieder von ihm abwenden.

 Wir glauben, dass es gut wäre, unmittelbar alle Freunde zu mobilisieren, die Sie in der Schweiz und anderswo kennen, damit sie Solidaritätsschreiben an diese Gemeinden richten. Sie zeigen uns eine andere Art, Flüchtlingen gegenüber zu denken und zu handeln.

 Die Briefe sind zu richten an:
Gerardo Mannello
Sindaco
Municipio
88061 BADOLATO (CZ), Italien
Fax: 0039 - 967 85 060

Wir grüssen Sie herzlich und wünschen Ihnen eine erfolgreiche Arbeit.

 Guido Gorret
Europäisches Bürgerforum

 


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