Folgender offener Brief wurde in der "Basler Zeitung" vom 22. Januar 1997 publiziert. Für das "RabenNet" wurde er ohne Rückfrage eingeskannt. Ich hoffe, dass sich bei den Namen der UnterzeichnerInnen keine Fehler eingeschlichen haben. Für mich stellt dieser Brief eine wichtige Aktion in der gegenwärtigen Diskussion dar. Allerdings bin ich mit der Bewertung der Rede von Villiger nicht einverstanden. Meine Meinung darüber steht in einem Artikel, der im Mai 95 im "Vorwärts" publiziert wurde, und hier zugänglich ist.
Takis Armyros


OFFENER BRIEF VON PROFESSORINNEN UND PROFESSOREN
DER UNIVERSITÄT BASEL

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
Sehr geehrte Frau Bundesrätin, Sehr geehrte Herren Bundesräte

Wir, Professorinnen und Professoren der Universität Basel, wenden uns mit diesem Offenen Brief an Sie in grosser Sorge wegen der zunehmend irrationaler und emotionaler werdenden Debatte über die nachrichtenlosen Vermögen von Holocaustopfern auf Schweizer Banken und über die Geschäfte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg mit nationalsozialistischem "Raubgold". Wir meinen, dass einige der wesentlichen Punkte, über die schon längst Klarheit besteht, in schädlicher Weise für die Schweiz wieder in Vergessenheit zu geraten drohen und notwendige Unterscheidungen verwischt werden. Wir möchten mit unserem Brief zur Klärung der Debatte beitragen und Wege zu deren Deeskalation aufzeigen. Nicht zuletzt liegt uns aber daran, deutlich zu machen, dass eine Verpflichtung zur historischen Wahrheit und Klarheit unabhängig von der gegenwärtig international geführten Diskussion besteht.

Entscheidend ist darum für uns, dass allen jetzt durch Kommissionen zu untersuchenden Fakten und Zusammenhängen voraus die Erkenntnis liegt, dass sich die Schweiz in den in Frage stehenden Jahren nicht nur bewährt hat. Sie hat sich ohne Zweifel schuldig gemacht durch die unmenschliche Abweisung von Tausenden von jüdischen Flüchtlingen an ihren Grenzen, und zwar noch zu einer Zeit, als die Verantwortlichen schon wussten, dass sie die Flüchtlinge in den sicheren Tod zurückschickten. Das begann spätestens 1938, als auf Initiative der Schweizer Regierung der berüchtigte J-Stempel für die Pässe deutscher Juden von den nationalsozialistischen Behörden eingeführt wurde. Diese Schuld ist nicht wiedergutzumachen, aber sie ist vom Schweizer Bundesrat in wünschenswerter Deutlichkeit eingestanden worden, und zwar durch den damaligen Bundespräsidenten Villiger anlässlich des Gedenkens des Endes des 2. Weltkriegs und durch Bundesrat Cotti anlässlich der Gedenkfeier für Konsul Lutz. Damit hat der Bundesrat zum Ausdruck gebracht, dass er die Dinge anders beurteilt als die in den Dreissiger und Vierziger Jahren Verantwortlichen.

Wir halten es für notwendig, dass Sie, der jetzt verantwortliche Bundesrat, auch in der gegenwärtigen Debatte ein deutliches und unmissverständliches Zeichen setzen. Es bedarf zwar noch eingehender historischer Untersuchungen über die genaue Höhe der Vermögen von Holocaustopfern auf Schweizer Banken. Und dankenswerterweise sind dafür durch die eingesetzten Kommissionen die entscheidenden Voraussetzungen geschaffen. Doch dass solche Vermögen seit mehr als fünfzig Jahren vorhanden sind, ist eine Tatsache. Ebenso ist festzustellen, dass dort, wo keine Anspruchsberechtigten identifizierbar sind, diese Vermögen von den Banken bisher keinem entsprechend zweckgerichteten Fonds zur Verfügung gestellt wurden. Dies muss nach unserer Meinung nicht nur Banken oder Treuhändern, sofern sie daran beteiligt sind, sondern auch den politisch Verantwortlichen unbeschadet der juristischen Bewertung als moralische Schuld zugerechnet werden. Dieses einzugestehen seitens des Bundesrates würde unseres Erachtens auch die gegenwärtige Debatte entlasten und zu mehr Sachlichkeit verhelfen. Ähnliches gilt für die Geschäfte mit dem sogenannten Raubgold. Auch hier bedarf es keines historischen Beweises mehr für die Tatsache, dass durch die Schweizer Nationalbank von den Nationalsozialisten geraubtes Gold "gewaschen" wurde. Auch dies ist öffentlich eingestehbar, ohne dass den genauen Bezifferungen der dabei transferierten Summen und der Abklärung der einzelnen Wege der Abwicklung vorgegriffen wird.

Wir möchten noch auf einen weiteren, das Ansehen der Schweiz belastenden Punkt hinweisen. Historisch einwandfrei geklärt und keiner weiteren Prüfung bedürftig ist die Tatsache, dass die damalige Schweizer Regierung ihren jüdischen Bürgern und Bürgerinnen eine erhebliche finanzielle Last auferlegte, indem sie sie zu besonderen Zahlungen für jüdische Flüchtlinge verpflichtete. Diese in der Öffentlichkeit noch weithin unbekannte, ausserordentlich beschämende Seite der restriktiven und durch Vorurteile geprägten Flüchtlingspolitik ist unseres Erachtens auch vorbehaltlos einzugestehen.

Wir möchten noch auf einen weiteren, das Ansehen der Schweiz belastenden Punkt hinweisen. Historisch einwandfrei geklärt und keiner weiteren Prüfung bedürftig ist die Tatsache, dass die damalige Schweizer Regierung ihren jüdischen Bürgern und Bürgerinnen eine erhebliche finanzielle Last auferlegte, indem sie sie zu besonderen Zahlungen für jüdische Flüchtlinge verpflichtete. Diese in der Öffentlichkeit noch weithin unbekannte, ausserordentlich beschämende Seite der restriktiven und durch Vorurteile geprägten Flüchtlingspolitik ist unseres Erachtens auch vorbehaltlos einzugestehen.

Solche Eingeständnisse sollten nicht nur symbolisch bleiben. Vielmehr meinen wir, dass der Bundesrat den in ihm wie im Schweizer Volk vorhandenen guten Willen und die ehrliche Absicht, begangenes Unrecht, wo es möglich ist, wiedergutzumachen, tatkräftig unter Beweis stellen müsste. Wir unterstützen darum, dass der Bundesrat einen Fonds äufnet bzw. eine Stiftung gründet, in die zum Beispiel eine den erwähnten damaligen, vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund aufgebrachten Abgaben entsprechende Summe innerhalb einer bestimmten Zeit eingestellt wird. Die Zweckbestimmung eines solchen Fonds oder einer solchen Stiftung könnte mittellosen, noch überlebenden Holocaustopfern und der Wiederbelebung von jüdischem Leben in Osteuropa, das durch die nationalsozialistische Schreckensherrschaft vernichtet wurde, gelten. Eine solche Stiftung wäre einem schweizerischen Kuratorium zu unterstellen, das vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und dem Bundesrat gewählt würde.

Gerade weil wir nicht verkennen, dass die Schweiz nicht nur Schuld auf sich geladen hat, sondern viele ihrer Bürger und Bürgerinnen auch in jenen finsteren Zeiten gegen die nationalsozialistische Bedrohung mutig Widerstand geleistet und Menschlichkeit und Menschenliebe tatkräftig bewährt haben, vertrauen wir darauf, dass der Bundesrat, wenn er solche Zeichen setzt, der Zustimmung und Unterstützung im Schweizer Volk auch heute sicher sein kann. Es geht nicht so sehr um die internationale politische und ökonomische Reputation, sondern mehr noch darum, dass die Schweiz sich ihrer Verantwortung hinsichtlich der historischen Schuld stellt, Unrecht einzugestehen und Recht herzustellen vermag, um den demokratischen und humanen Idealen der Eidgenossenschaft heute treu zu bleiben.

Mit vorzüglicher Hochachtung Top


Folgende Professorinnen und Professoren (mit Schweizer und anderer Staatsangehörigkeit) der Universität Basel unterstützen den Offenen Brief:

Ursula Ackermann-Liebrich, Ueli Aebi, Emil Angehrn, Wuff Arlt, Raymond Battegay, Jürg Baumann, Eugen Baumgartner, Bruno Baur, Ludwig Berger, Rene Bernoulli, Leonhardo Bianchi, Thomas Bickle, Wemer Bieder, Kurt Bienz TMomas Boller, Giovanni Bonalumi, Silvio Borner, Rudolf Brändle, Beat Brenk, Georg Brubacher Fritz R. Bühler, Alfred Bürgin, Dieter Bürgin, Eduard Buess, Christine Burckhardt-Seebass, Rolf Conzelmann Oscar Cullmann Walter Dick, Heinz Durrer, Alfred Egli, Manfred Elke, Willy Elmer, Andreas Engel, Jürgen Engel Balz Engler, Peter Erb, René Erbé Hansjürg Fahrländer, Michel Fernex, Josef Flammer, Richard Franklin, Thierry A. Freyvogel, Ulrich Gäbler, Werner Gallusser, Walter Gehring, Fabian Gerson, Jürg Glauser, Fritz Graf, Woffram Groddeck, Andreas Guski, Heinrich G. Haas, Heiko Haumann, Peter Hauser, Walter Hess, Hans-Rudolf Hirt, Conrad G. Honegger, Erik Homung Lukas Hottinger Hanspeter Huber, Hans-Christof Im Hof, Andrea Jakob Johann N. Jansonius, Louis Jenny, Walter Keller, Kasper Kirschner, Werner Koella, Annetrudi Kress, Arnold Kúnzli, Lukas Landmann, Hanspeter Landolt, Ernst M. Lang, Hartmut Leser, Andre Levy, Christine Lienemann, Horst H. A. Linde, Jan M. Lochman, Heinrich Löffler, Daniel Loss Ottavio Lurati, Markus Lusti, Fritz Meier, Jürg Meyer, Werner Meyer, Michael Mihatsch, Josef Mooser, Chri&127toph Moroni, Hans R. Müller, Walter Neidhart, Cordula Nitsch, Peter Oelhafen, Heinrich Ott, Karl Pestalozzi, Mark Pieth, Gian-Reto Plattner, Heinrich Reichert, Paul Richli, Jürg P Rosenbusch, Hermann Rudin, Theo Rufli, Georg Rutishauser, Urs B. Schaad, Martin Schaffner, Willi Schaffner, Gottfried Schatz, Karl Schefold, Peter Schiess, Robert Schläpfer, Stefan Schmid, Martin Anton Schmidt, Rita Schneider-Sliwa, Walter Schüepp-Mathis Meinrad Schuster, Hans Schwander, Ingeborg Schwenzer, Anne Shreffler, Christoph Siegrist, Helmut Sigel, Katharina Spanel-Borowski, Martin Spiess, Bernd Spiessl, Hannes B. Stähelin, Walter Stamm, Stephen Stearns, Ekkehard Stegemann, Ulrich Steiger, Uli Steinlin, Martin Stern, Willem B. Stern Werner Stingelin, Jean-Fritz Stöckli, Roff Stucky, Jürg Ulrich, Rolf Wagner, Felix Wyler.


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