MANIFEST VOM 21. JANUAR 1997

[Zur Namensliste]


Wir, die unterzeichnenden Schweizerinnen und Schweizer, Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes, fühlen uns von keiner jüdischen Organisation unter Druck gesetzt, jedoch vom Verhalten der schweizerischen Banken und des Schweizerischen Bundesrates diskreditiert. Wir erklären deshalb:

1
Wenn ein Mitglied des Schweizerischen Bundesrates in seiner Funktion als Bundespräsident die Überlebenden der Shoa - der planmässigen Ermordung von Millionen europäischen Jüdinnen und Juden - sowie ihre Nachkommen und Repräsentanten angreift, ihnen eine Verschwörung. zur Destabilisierung der Schweiz unterstellt, ihnen die Erpressung von Lösegeld vorwirft und "antisemitische Reaktionen" in der Schweiz ankündigt,

wenn dieses Mitglied der Schweizer Regierung erst nach zweiwöchigem Drängen die Wirkung seiner Aussagen mit dem Argument bedauert, es sei falsch informiert gewesen über die Forderungen jüdischer Organisationen in den USA, was ja nichts anders heisst, als dass seine Aussagen berechtigt wären, falls es konkrete Geldforderungen von jüdischen Organisationen tatsächlich gäbe,

wenn sich der Gesamtbundesrat, also die verantwortliche Regierung der Schweiz, von diesem Mitglied nicht distanziert und der durch die bundesrätlichen Ausführungen ausgelösten Welle von antisemitischen Gehässigkeiten nicht energisch entgegentritt,

dann wird damit die demokratische Würde unseres Landes aufs Spiel gesetzt. Es wird das kulturelle Selbstverständnis der Schweiz beschädigt, die seit jeher Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen umfasst. Solches Verhalten beleidigt nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern alle demokratisch denkenden Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz. Wir fühlen uns durch diesen Bundesrat nicht vertreten. Top

2
Wenn die Schweizer Banken und Finanzinstitute erst nach mehr als fünfzig Jahren und nur unter grösstem internationalem Druck dazu gezwungen werden können, unabhängige Expertinnen und Experten über ihre Bücher gehen zu lassen, um die "nachrichtenlosen" Vermögen von Shoa-Opfern, den Handel mit geraubtem Gold sowie den Verbleib der von den Nationalsozialisten beiseitegeschafften Mord- und Kriegsbeute zu untersuchen und offenzulegen,

wenn diese Banken auch nach mehr als fünfzig Jahren immer noch so tun; als ob die Rolle des Finanzplatzes Schweiz als Helfer und Hehler für die Nazis im wesentlichen nicht längst bekannt wäre,

wenn diese Schweizer Banken in all den Jahrzehnten nicht bereit waren, ihre Verantwortung wahrzunehmen, sondern im Gegenteil jene Leute, die nach dem Vermögen von ermordeten Verwandten suchten, mit Ablehnung, Arroganz und Zynismus behandelten und ihnen Informationen vorenthielten,

wenn dazu noch die grösste Schweizer Bank kurze Zeit vor Eintreffen der unabhängigen Expertinnen und Experten stossweise Akten vernichtete,

dann dürfen die Schweizer Behörden ihre Politik nicht mehr an den Interessen dieser Banken ausrichten, dann ist auch politischer Druck - ob aus dem Inland oder aus dem Ausland - berechtigt, falls er der Wahrheitsfindung dient. Top

3
Wenn sich schliesslich ein Teil der Schweizer Bevölkerung, Menschen aus der Aktivdienst- und unmittelbaren Nachkriegs-Generation, durch all die Vorwürfe missverstanden fühlt, weil diese Menschen damals vielleicht selber als Soldaten an der Grenze standen, an Entbehrungen litten, eine demokratische Haltung bewiesen und willens waren, die Schweiz gegen die Nazis zu verteidigen, während die Banken und die Industrie mit denselben Nazis lukrative Geschäfte machten,

wenn manche Leute sich heute verunsichert fühlen, weil einige Schweizer Mythen zu zerfallen scheinen, mit denen sie in schweren Zeiten getröstet, jedoch auch von notwendigen Einsichten abgehalten wurden,

wenn manche Leute die historische Verantwortung des Schweizer Staates mit persönlicher Schuld gleichsetzen und sich zu Unrecht angeklagt fühlen, weil nicht sie es waren, welche die deutschen Behörden dazu bewegten, den "Juden-Stempel" einzuführen, und weil nicht sie persönlich es waren, die befahlen, viele zehntausend jüdische Flüchtlinge in den sicheren Tod zu verjagen, sondern der Schweizerische Bundesrat,

dann halten wir es für um so dringlicher, dass die jüngere Schweizer Geschichte weiter von Entstellungen und Beschönigungen befreit und mit mehr Wahrhaftigkeit neu geschrieben wird. Top

4
Wenn nun aber der Schweizerische Bundesrat sich daran erinnern würde, dass auch die politische Gleichstellung der jüdischen Schweizer im letzten Jahrhundert nicht zuletzt auf massiven Druck ausländischer Regierungen zustande kam, dass solche Kampagnen für unsere Demokratie also fruchtbar sein können,

wenn sich der Bundesrat ferner bereit erklären würde, nicht nur die historische Aufarbeitung unserer jüngeren Vergangenheit, sondern auch die aufklärende Vermittlung von historischen Forschungsergebnissen ans Volk tatkräftig zu unterstützen,

wenn sich der Bundesrat und mit ihm die Behörden und Institutionen in allen Teilen des Landes entschliessen würden, statt die schweizerischen Jüdinnen und Juden einmal mehr im Kampf gegen den Antisemitismus allein zu lassen, jeglicher offenen oder versteckten antisemitischen Tendenz mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten,

wenn der Bundesrat, die Schweizer Behörden und Institutionen öffentlich erklären würden, dass Antisemitismus und Rassismus unter gar keinen Umständen jemals berechtigt oder gar von den Opfern selbst verursacht sein können, sondern uns in die schlimmsten Zeiten der Vergangenheit zurückwerfen, statt uns in die Zukunft zu tragen,

wenn die Schweizer Behörden und Institutionen insgesamt und für alle sichtbar sich in diesen Fragen den Wünschen der demokratisch denkenden Schweizer Bevölkerung zuwenden möchten,

dann werden wir, die unterzeichnenden Schweizerinnen und Schweizer, Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes, solche Bestrebungen nach Kräften unterstützen. Dann kann sich die gegenwärtige politische Krise der Schweiz auch als Chance für mehr Demokratie, Gerechtigkeit, Achtung vor dem Anderen und für ein freundlicheres Zusammenleben erweisen.

Nils de Dardel (Genf), Madeleine Dreyfus (Zürich), Stefan Keller (Zürich), Dr. Paul Parin und Goldy Parin Matthéy (Zürich), Niccolò Raselli (Flüeli-Ranft), Paul Rechsteiner (St. Gallen), Catherine Weber (Bern).

Erstunterzeichnet von über 200 Persönlichkeiten [Zur Namensliste]


Bitte unterstützen Sie dieses Manifest mit Ihrer Unterschrift, bestellen Sie es als Plakat (Fr. 25.- ), organisieren Sie Veranstaltungen zum Thema und spenden Sie für dieses und weitere Inserate.

Verein Manifest vom 21. Januar 1997, Postfach 6948, 3001 Bern. Tel. 077/68 48 41, Postcheck-Konto: 25-542445-5. Vielen Dank.


TopRaben-Net: Home