Situationsbericht Rroma im ehemaligen Jugoslawien –
Stefan Heinichen, Kehrsatz,
Wer sind die „Rroma-Flüchtlinge"?
Rroma sind nicht zwangsläufig „Fahrende"; sie sind ein Volk ohne Land im Balkan, ein Volk, dessen Angehörige häufig verprügelt, vertrieben oder gar getötet werden. Bereits 1992, zu Beginn des Balkankriegs in Kroatien, und später in Bosnien waren Rroma eine stark betroffene, aber kaum beachtete Bevölkerungsgruppe. Ihre jungen Männer wurden von allen Kriegsparteien zwangsrekrutiert und an die vorderste Front geschickt. Oft erhielten sie keine Waffen und wurden angehalten, mit den Fäusten zu kämpfen. Selbstverständlich widersetzten sich viele junge Rroma solchen Befehlen und versuchten zu fliehen. Wer erwischt wurde, musste mit dem Leben bezahlen. Das Gleiche spielte sich wieder im jüngsten Krieg in Kosova ab.
Die aus Indien stammenden Rroma kamen bereits vor über tausend Jahren nach Europa. Sie siedelten sich damals in der europäischen Türkei, in Griechenland und Bulgarien an. Bald liessen sie sich im Kosova, in Bosnien-Herzegowina , in Montenegro, in Serbien und - mit der Ankunft der Türken in Europa - auch in Rumänien, nachher in Westeuropa und in Russland nieder. Spätestens seit dem 14. Jahrhundert leben die Rroma im Gebiet des heutigen Jugoslawien. Sie waren meist sesshaft und arbeiteten als Schmiede und HandwerkerInnen.
Seit 10 Jahren sind die Rroma aus dem ehemaligen Jugoslawien und dem gesamten Balkangebiet auf der Flucht. Gewalt und Pogrome gegen Rroma im Balkan und in Osteuropa nehmen zu. Viele Nachfolgestaaten des ehemaligen Ostblocks bezeichnen diese Angriffe gegen Rroma unter anderem als "verständliche Reaktionen der Bevölkerung auf die Andersartigkeit der Rroma" und verweigern ihnen den Schutz als StaatsbürgerInnen.
Im von Konflikten heimgesuchten Balkan befinden sich die Rroma zwischen den Fronten und werden von allen Seiten unterdrückt. Während der Aufteilung Jugoslawiens wurden die Rroma von allen Kriegsparteien unbarmherzig verfolgt und zählten zu den Hauptopfern der ethnischen Säuberungen.
Viele Rroma-Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien sagen nicht, dass sie Rroma sind, weil sie wissen, welchen Vorurteilen "Zigeuner" ausgesetzt sind. Die Angst, dass auf ihren Asylantrag nicht eingegangen wird, ist gross: Schutz vor Verfolgung haben Rromaflüchtlinge im Westen kaum. Ihre Asylanträge werden praktisch ausnahmslos abgelehnt mit der Begründung, es handle sich bei den Betroffenen nicht um Personen, die in ihren Heimatländern aus politischen Gründen individuell verfolgt worden seien.
Die Schweiz erwägt sogar, diese Flüchtlingsgruppe als erste in das Kriegsgebiet zurückzuschaffen, an einen Ort, wo weder ihre Sicherheit noch ihr Leben gewährleistet ist. Ungeachtet der zahlreichen Einschätzungen von OSZE, UNHCR und anderen Organisationen gilt hier immer noch das Rückkehrabkommen mit Herrn Milosevic.
Kosova
In Kosova gab es vor dem Krieg grössere Rroma-Siedlungen (Pristina-Moravska, Kosovo Polie, Mitrovica-Fabricka, Prisren, Pec etc.) Gut 70 % dieser Quartiere (Mahala) sind zerstört. Aus Angst vor Diskriminierung geben sich viele Rroma als AlbanerInnen aus. Doch obwohl sie albanische Namen tragen und nur noch wenige Rromanes sprechen, werden sie von den Kosova-Albanern verächtlich "Matschup" genannt.
Vor dem Krieg lebten über 15 % Rroma in Kosova; dies war eine weitaus grössere Bevölkerungsgruppe als die ansässigen SerbInnen. Heute sind viele ausser Landes geflüchtet. Aber wer spricht von ihnen?
Am 23. April 1999 erhielt die Agentur RomNews Network (RNN) die Nachricht, dass bereits über 10'000 Rroma aus Kosova geflohen seien. Sie befinden sich in Albanien, Mazedonien, Montenegro, Bosnien und in einigen Teilen Serbiens. Die Rroma von Belgrad baten um Hilfe, da ihre Wohnungen zerstört worden waren. Wie viele Rroma-Flüchtlinge in Mazedonien lebten, sei nicht klar. Rroma-Organisationen wie "DROM" in Kumanovo und "KHAM" in Tetovo sprachen von etwa 1'800, doch viele deklarieren sich nicht als Rroma. Wie bei den Kosova-Albanern sei auch die Solidarität unter den Rroma zur Zeit gross, und einige Flüchtlinge hätten privat untergebracht werden können. Doch bestehe die Gefahr, dass in dieser angespannte Lage der Volkszorn zuerst auf die Rroma fallen werde.
Am 13. Juni 1999 berichtete das bosnische Fernsehen in seiner Abendausgabe, dass Serben und Rroma aus Kosova fliehen würden, und am 14. Juni 1999 zeigte das albanische Fernsehen eine kosova-albanische Flüchtlingsfrau, die den Boden küsst, mit dem Wunsch, nach Kosova zurückkehren zu können, ohne je wieder einen Serben oder Rroma dort antreffen zu müssen.
Zuerst von den serbischen Milizen verjagt, werden die Rroma jetzt von der UCK ein zweites Mal verjagt. Über 500 Rroma sind Ende Juni 1999 in Nis gestrandet. Serbien hat jedoch kein Interesse daran, diese Menschen zu beherbergen. Im Gegenteil, auch die ansässigen Rroma im serbischen Raum werden bedroht und angehalten, ihre Häuser für serbische Flüchtlinge zu räumen.
Serbien und Bosnien
Die Situation der Rroma ist in Serbien nicht viel besser. Um nicht mit den Nationalsozialisten Deutschlands verglichen zu werden, versuchten die nationalistischen Parteien Jugoslawiens, die Rroma und die Juden für sich zu gewinnen. Während die jüdische Bevölkerung sich im grossen und ganzen aus den Konflikten heraus halten konnte, wurden die Rroma zusehens von den verschiedenen Volksgruppen instrumentalisiert.
Serbien betrachtet sich als das wahre Erbe Titos und gibt den Rroma das Gefühl, es sei das einzige Land, wo die Rroma anerkannt seien und Rechte hätten. Beliebt sind vor allem die auffallend vielen Rroma-Interpreten in den serbischen Musiksendungen. Doch dies hindert nationalistische Politiker wie Draskovic oder Seseli nicht daran, die Rroma öffentlich als Gefahr für die serbische Identität anzusehen und sie daher mit dem Leben zu bedrohen.
Die politische und soziale Diskriminierung der Rroma ist sehr gross und alltäglich:
Beispielsweise werden wohlhabende Rroma-Geschäftsleute im Norden Serbiens mit Hilfe der Polizei von der örtlichen Mafia bedroht und müssen, unter Morddrohungen, Schutzgelder bezahlen. Mehrmals wurden Rroma-Kinder entführt und Lösegelder erpresst. Viele Rroma waren gezwungen, aus Serbien zu fliehen, und sahen sich bei einer Rückkehr mit erneuter Verfolgung und grossen Schikanen konfrontiert Ähnliches widerfuhr den rückkehrenden Flüchtlingen aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina. Als Rroma-Flüchtlinge nach Sarajewo zurückkamen, wiesen ihnen die Behörden Plätze an, wo noch keine Minen weggeräumt waren. Kinder sterben, Arbeit gibt es keine, und wer will schon Rroma anstellen?
Wegen der Ereignisse in Kosova bleibt Bosnien-Herzegowina im Schatten des Weltgeschehens. Die Lage sieht jedoch nicht gut aus. Neue Flüchtlingswellen aus Kosova, Sandschak und Serbien heizen die Spannungen unter den gut 1'000'000 Binnenflüchtlingen zusätzlich an. Die Versorgung dieser Menschen ist kaum gewährleistet. Auch hier sind die Rroma besonders bedroht. Neben den nächtlichen Attacken von nationalistischen Gruppierungen und Banden droht ihnen jetzt auch eine Hungersnot.
Rroma sind nirgends willkommen und können nirgendhin zurückkehren. Wann endlich sind wir gewillt, diese Minderheit zu schützen?
Berichterstattung über die Rroma
Seit Mitte Juni 1999 thematisieren westliche Medien in vereinzelten Reportagen die spezielle Lage der Rroma in Kosova. Beispielsweise zeigte BBC am 25.6.99 Rroma-Wohnquartiere in Prishtina, die von Albanern niedergebrannt worden waren. CNN berichtete am 27.6.99 über die Situation der Rroma in Kosova Polije. In diesem Beitrag werden die Rroma bezichtigt, sich an serbischen Greueltaten beteiligt zu haben. Die Rroma bestreiten dies vehement: Einzelne mögen mit Serben zusammengearbeitet haben, doch sie sind selbst Opfer serbischer Repressionen. Die grosse Mehrheit der Rroma bemühte sich um möglichst grosse Neutralität. Sich dem Druck des serbischen Militärs und der UCK zu entziehen, war jedoch ausserordentlich schwierig.
Auch in der Deutschschweiz wurde in letzter Zeit hie und da über Rroma berichtet. Irene Meier zeigte am 28.6.99 in einem Radiobeitrag auf, wie aufgrund mangelhafter Kenntnisse über Rroma leicht ein einseitiges Bild vermittelt wird. Die Medien erwecken häufig den Eindruck erweckt, die Rroma verschuldeten ihre Misere selbst.
Stefan Heinichen, 29. Juni 1999