Besuch bei El-Hilal in Mazedonien


Zusammen mit der Fachstelle Migration (FAMI) und dem Verein Freundschaft Schweiz-Kosova haben wir Spenden für El-Hilal gesammelt.

Anfangs Mai besuchten Remzi Reka vom Verein Freundschaft Schweiz- Kosova und die Journalistin Elisabeth Kaestli die Hilfsorganisation El-Hilal in Mazedonien. Sie trafen engagierte Menschen, die professionell arbeiten. Bei El-Hilal war die rasche und unbürokratische Hilfe durch die schweizerischen Spenderinnen und Spender hochwillkommen.

Eindrücke vom Besuch bei El-Hilal

An einer Nebenstrasse von Tetovo in einem zweistöckigen Haus sind die Büros der Hilfsorganisation El-Hilal untergebracht. Auf der gedeckten Terrasse stehen mehrere Sofas, auf denen erschöpfte Flüchtlinge sitzen und liegen. Zwei, drei Kunststofftaschen stehen am Boden, und eine Frau wickelt ihr Kind. Die Flüchtlinge sind in der Nacht zu Fuss hier angekommen. Die Grenze zu Kosova ist 15 Kilometer entfernt, und dazwischen liegen Berge, deren Gipfel schneebedeckt sind.

Gleich nach Beginn der NATO-Bombardierungen am 24. März, als die Vertreibung der kosova-albanischen Bevölkerung ein unvorstellbares Ausmass mit entsetzlichen Grausamkeiten angenommen hatte, kamen täglich Hunderte von Flüchtlingen direkt zu El-Hilal. Inzwischen transportieren die mazedonischen Behörden die Flüchtlinge vom Grenzübergang Blace direkt in die Flüchtlingslager. Nur wer über die „grüne Grenze" kam, konnte über El-Hilal den Weg direkt in eine Gastfamilie finden.

El-Hilal ist die grösste nicht-staatliche Hilfsorganisation in Mazedonien und arbeitet seit 1991, das heisst, seit Mazedonien ein eigener Staat ist. Sie leistet Sozialhilfe für albanische Bedürftige in Mazedonien und unterstützt Albanien und Kosova mit Nothilfe. Seit den Vertreibungen aus Kosova sind sie jedoch voll damit beschäftigt, Unterkünfte für die Flüchtlinge zu suchen und Nothilfe zu beschaffen und zu verteilen. Allein in Tetovo und Umgebung, der grössten Sektion von El-Hilal, unterstützt sie über 50’000 Vertriebene; davon leben gegen 90 Prozent in Gastfamilien. „Ein Grossteil der Gastfamilien braucht nach kurzer Zeit selbst Hilfe, berichtet Sektionspräsident Xhafer Xhaferi. Doch die Solidarität unter AlbanerInnen ist riesig, selbst unter engsten Wohnbedingungen nehmen die Leute Flüchtlinge auf.

El- Hilal war darauf vorbereitet, dass es zu einer grossen Fluchtbewegung aus Kosova kommen könnte, doch dass innert Tagen Zehntausende ohne Hab und Gut über die Grenzen getrieben würden, überstieg auch ihre Vorstellungskraft. Glücklicherweise waren die Lagerhäuser im März mit Hilfsgütern gefüllt, die für Kosova vorgesehen waren. Aber bald waren diese aufgebraucht. Albanische Geschäftsleute seien mit Warenspenden in die Lücke gesprungen, bis die internationale Hilfe anlief.

Das von islamischen Kirchen finanzierte Hilfswerk erhielt nun nach und nach Unterstützung durch verschiedenste internationale Organisationen. Keine Schwierigkeiten hatte El-Hilal, kurzfristig mehr Helfer zu rekrutieren und Gastfamilien zu finden. Das bereits bestehende fein verästelte Netz von Freiwilligen erweiterte sich durch Aufrufe an Privatradio und -fernsehen rasch auf über 1000 Aktivisten.

Im Büro ist ein ständiges Kommen und Gehen von Helfern in jedem Alter. Wie im Büro in Skopje sind es auch hier lauter Männer. Erkennbar sind sie am Namensschildchen mit dem El-Hilal-Mond. Einer spricht uns an, wie er hört, dass wir aus der Schweiz sind. Er organisiert gerade einen Autotransport für die in der Nacht eingetroffenen Flüchtlinge. Sie können bei seinem Bruder unterkommen. Auch er hat selbstverständlich bereits fünf Leute bei sich aufgenommen. Das habe er in der Schweiz gelernt, erzählt er uns. 1991 war er in die Schweiz geflüchtet, als er in die jugoslawische Armee sollte. Sechs Monate verbrachte er in Luzern.

Wenige Tage später gehen wir zu einem der El-Hilal-Verteilpunkte in Skopje. Vor der kleinen Fabrik sitzen schon Dutzende von Menschen in der sengenden Sonne und warten auf ihr monatliches Paket. Drinnen werden die letzten Vorbereitungen für die heutige Verteilung getroffen, El-Hilal-Aktivisten legen noch Waschpulver und Mineralwasserflaschen in die Kartons, die bereits Teigwaren, Milch, Getreidebrei, Zucker und Hygieneartikel enthalten. Verteilt wird jeweils, was gerade verfügbar ist. Mehl und Öl gehören dabei zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln.

Jetzt setzt sich ein junger Mitarbeiter mit einer Namensliste an ein Tischchen beim Eingang. Sein Kollege ruft den ersten Namen in den Hof hinaus, der Genannte kommt rein, unterschreibt und empfängt sein Paket. Die Verteilung geht speditiv und ruhig vor sich. Das Ganze ist bereits eingespielt. Den Menschen ist nicht anzusehen, was für Schrecken sie erlebt haben und in welch schwierigen Situationen sie zurzeit leben. Im Moment sind sie froh, ihren Familien in der provisorischen Bleibe wieder etwas Essbares bringen zu können.

Inzwischen ist der Krieg zu Ende und der weitaus grösste Teil der Flüchtlinge ist nach Kosova zurückgegangen. El-Hilal hat im Frühjahr in ganz Mazedonien über 150’000 Flüchtlinge unterstützt, jetzt sind es noch rund 20’000. Der Präsident von El-Hilal Mazedonien, Abdurauf Pruthi, rechnet damit, dass etwa die Hälfte davon den nächsten Winter noch in Mazedonien verbringen wird. Die rasche, oft überstürzte Rückreise der Flüchtlinge habe vielen Aktivisten zu schaffen gemacht, berichtet er. In einem grossen Kraftakt hat El-Hilal in kürzester Zeit seine Hilfe um ein Vielfaches ausgebaut, und ebenso rasch wie sie gekommen sind, sind jetzt die meisten Hilfsbedürftigen abgereist. Nun wird El-Hilal wieder mit Hilfsgüterkonvois in Kosova helfen. Die ersten 100 Tonnen Hilfsgüter haben Skopje am 23. Juli verlassen.

Elisabeth Kaestli, Pressebüro Flüchtlingsinformation

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