"Fast täglich kamen Flüchtlinge"
Riehen und Bettingen - zwei Schweizer Grenzdörfer in der Kriegszeit.

Erinnerungen an die Jahre 1933-1948. Dokumentation von Lukrezia Seiler und Jean-Claude Wacker.
Folgendes Vorwort ist von Professor Ernst Ludwig Ehrlich, Verlag z'Rieche. Fr. 19.80.

Vorwort

Das vorliegende Buch von Lukrezia Seiler und Jean-Claude Wacker gehört zu jenen ungemein wichtigen Büchern, in denen die Verfasser sich mit wissenschaftlicher Sorgfalt bemühen, die Flüchtlingspolitik der Schweiz von 1933 bis 1945 zu analysieren. Dies geschieht hier im Falle der beiden Dörfer Riehen und Bettingen, was insofern sinnvoll erscheint, als an eng umrissenen, realen Beispielen das politische und menschliche Scheitern der damals Herrschenden ganz konkret zum Ausdruck kommt.

Konnte anfangs noch angenommen werden, bei den Massnahmen der Nationalsozialisten handle es sich nicht um eine Frage von Leben und Tod, so war spätestens im Jahre 1942 dem Bundesrat absolut klar, dass alle im deutschen Bereich sich befindlichen Juden zur Ermordung bestimmt waren. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Flüchtlingspolitik des Bundesrates antisemitische Gesinnungen zugrunde lagen. Schon sehr früh wandte man sich „gegen eine Festsetzung wesensfremder Elemente", und vollends wird diese Haltung deutlich, wenn man den Anteil des Bundesrates am berüchtigten "J-Stempel" in den deutschen Pässen von Juden in Rechnung setzt. Dabei hatte zu jener Zeit die Schweiz nicht mehr als insgesamt 5'000 Flüchtlinge. Die eindeutige Haltung des Bundesrates wurde durch die gesamte Terminologie deutlich, wenn man sich etwa. "gegen die Verjudung der Schweiz" wandte.

Es ist erfreulich, dass sich die Situation in Basel nicht gar so schlecht darstellt. Regierungsrat Brechbühl weigerte sich nicht selten, Ausweisungsbefehle von Bern durchzuführen. Auch die Haltung der Riehener und Bettinger Bevölkerung war nicht eindeutig; es gab einzelne wahre Judenretter darunter. Gleichwohl wurden diese manchmal von andern boykottiert oder an die Behörden verraten.

Bei Kriegsbeginn gab es 7'100 Flüchtlinge in der Schweiz. Die Massnahmen wurden dann verschärft. Juden galten nicht als politische Flüchtlinge, von denen es während des ganzen Krieges im übrigen nur 200 gab, denn Juden wurden als „Flüchtlinge nur aus Rassegründen" definiert und sollten daher zurückgewiesen werden. Diese Massnahmen wurden erst ausser Kraft gesetzt, als am 12. Juli 1944 der Sieg der Alliierten endgültig feststand. Auch osteuropäische Flüchtlinge, vor allem Zwangsarbeiter, wurden an der Schweizergrenze zurückgewiesen; für diese wurden die Einreisebedingungen später gelockert.

Erfreulicherweise hat sich auch während des Krieges der Kanton Basel-Stadt nach Möglichkeit gegen die eidgenössische Fremdenpolizei gestellt und 1’158 jüdischen Flüchtlingen während des Zweiten Weltkrieges ein Refugium geboten. Freilich wird man nicht umhin können festzuhalten, dass auch im Kanton Basel-Stadt während der ganzen Kriegszeit Flüchtlinge abgewiesen wurden; die Zahl der an den Riehener und Bettinger Grenzen abgewiesenen Flüchtlinge lässt sich nicht mehr feststellen.

Das Wertvolle des vorliegenden Buches besteht vor allem darin, dass es zum ersten Mal Interviews mit Grenzwächtern oder sonst mit Menschen enthält, die in der einen oder andern Weise mit Flüchtlingen zu tun hatten. Von einem Grenzwächter heisst es: „Manchmal konnte man helfen... Aber sehr viele Menschen mussten wir zurückweisen, Männer, Frauen, auch Kinder. Es war ein verdammt harter Beruf!.. Oft interessierten sich die Grenzwächter nicht für das weitere Schicksal der Flüchtlinge und lieferten sie bei der Polizei ab. Einer von ihnen schreibt: "Es gab schon auch Grenzwächter, die die Vorschriften in diesen Sachen nicht genau befolgten, aber die sind weggesiebt worden; solche Leute konnten wir nicht brauchen."

Natürlich gab es auch eine schweizerische Widerstandsbewegung, die sich auch als Fluchthelfer betätigte. Sie nannte sich „Aktion nationaler Widerstand", die treibende Kraft dieser Gruppe war Ernst von Schenck. Leider sind die Aktivitäten dieser Gruppe im Gebiet Riehen/Bettingen wenig bekannt.

An einigen Beispielen von Riehen und Bettingen lässt sich zeigen, dass die Bevölkerung mit der Rückweisung von Flüchtlingen durch das Grenzwachtkorps nicht einverstanden war und für die Flüchtlinge Partei ergriff. Die Grenzwächter sahen sich in einer doppelt schwierigen Situation, indem sie den unmenschlichen Anweisungen ihrer Vorgesetzten folgen mussten, gleichzeitig aber auch bemerkten, dass sie manchen Landsleuten nicht mehr trauen konnten, weil diese sich als Nazi-Freunde betätigten. Diese Klagen finden wir in zahlreichen Berichten.

Neben den Denunzianten, den Fluchthelfern und den „Pflichterfüllern" gab es auch Bürger, die Flüchtlinge der Polizei meldeten, weil es so vorgeschrieben war. Eine Frau sagt: „Ich hätte nie geglaubt, damals, dass die Schweizer Behörden so handeln und Menschen bewusst in den Tod schicken könnten; man hatte ein so grosses Vertrauen in den Bundesrat."

Die Chronisten der verschiedenen Grenzwachtposten pflegen die Aktivitäten an den Grenzstellen zu verharmlosen. Gerade die Ausnahmen von dieser Praxis beweisen, dass die Angaben im allgemeinen das wirkliche Ausmass des Flüchtlingselends an der Riehener und Bettinger Grenze verschweigen und die gnadenlose Rückweisungspraxis verschleiern. Das vorliegende Buch zeichnet sich dadurch aus, dass die dort niedergelegten Berichte von Zeitzeugen nicht eine Schwarz-Weiss-Schilderung darstellen. Man atmet direkt auf wenn es in einem Bericht einer Schweizer Familie heisst: „So haben wir sicher zwanzig Leute, vielleicht auch mehr, hinübergelotst".

Lässt man dieses Buch in seinem wissenschaftlich historischen Teil und mit den Auf Tonband aufgenommenen Interviews auf sich wirken, so erhält man einen Querschnitt durch menschliches Verhalten am Beispiel von Bürgern und Bürgerinnen aus einem relativ eng umrissenen Grenzgebiet. Die .Ausgangslage ist klar: Ein unmenschliches Verhalten des Bundesrates, der Versuch des Basler Regierungsrates Brechbühl, die eidgenössischen Massnahmen zu mildern, und Menschen der verschiedensten Gesinnungen und charakterlichen Eigenschaften. Ohne Zweifel gab es Menschen, deren Hilfsbereitschaft vorbildlich war, deren Menschlichkeit uns auch heute noch beispielhaft ist. Dass es freilich auch andere gab, die unmenschliche Befehle ausführten, Menschen, die nicht nachdachten, Menschen, die gefühllos funktionierten, ist eine Mahnung dieses Buches. Es geht nicht darum, sich nachträglich zu entschuldigen, dass man von den Verbrechen der Nazis nichts gewusst hat. Das Buch hat nicht nur die Aufgabe, Geschichte in einem begrenzten Raum darzustellen, sondern für die Zukunft die Sensibilität der Bürgerinnen und Bürger zu schärfen. Es ruft dazu auf, nein zu sagen, wenn es darum geht, Verbrechen zu tolerieren, selbst wenn sie staatlich verordnet sind. Wir können begangene Schuld nicht auslöschen, wohl aber können wir für unser eigenes Leben Lehren aus diesem Geschehen ziehen, denn wir wissen ja nicht, ob nicht jeder von uns einmal in eine ähnliche Situation kommen kann. Gerade an diesem Buch zeigt sich einmal mehr, dass der Terminus „Vergangenheitsbewältigung" völlig unzureichend ist. Wir können allein bei der Lektüre dieses Buches einen Lernprozess erfahren, der uns vor zukünftigem Unrecht bewahrt und uns ein wenig zu der uns aufgegebenen Menschlichkeit führt. Dass diese leider in jenen dunklen Jahren, wovon das Buch berichtet, allzu oft fehlte, sollte für uns der Anlass sein, unsere eigene Haltung neu zu überprüfen, und uns dazu bringen, Vorurteile gegen andere Menschen in uns selbst zu bekämpfen.

Das wichtige Buch von Lukrezia Seiler und Jean-Claude Wacker geht uns direkt an, weil es durch die Untaten in der Vergangenheit geradezu aufruft, die, die anders sind als wir, in ihrem Anderssein zu akzeptieren und nicht noch einmal in Kategorien zu denken wie jene, die von „wesensfremden Elementen., sprachen. Wir zeigen nicht schulmeisterlich mit dem Finger auf andere, sondern möchten, dass dieses Buch dazu beiträgt, das Anderssein zu respektieren. Damit leisten wir nicht nur ihnen einen Dienst, sondern wir kommen ein wenig dem Ziele näher, das der, der einst den Menschen geschaffen hat, von jedem von uns fordert.

Riehen, Oktober 1996 Professor Dr. Ernst Ludwig Ehrlich


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