Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) - Commission fédérale contre le racisme (CFR)
Commissione Federale contro il razzismo (CFR) - Cumissiun federala cunter il razzissem (CFR)
 

Getrennte Klassen?


Ein Dossier zu den politischen Forderungen nach Segregation fremdsprachiger Kinder in der Schule

Zusammenfassung

1. Grundlagen und Ziele dieser Stellungnahme

1.1. Die Forderungen nach Segregation zwischen einheimischen und fremdsprachigen Kindern in der Schule muss die Eidg. Kommission gegen Rassismus unter dem Gesichtspunkt interessieren, ob permanent getrennte Klassen eine Diskriminierung darstellen, ob sie Rassismus fördern und so das Gebot der Gleichbehandlung und die Verpflichtungen des Übereinkommens gegen Rassismus verletzen.

1.2. Die EKR will mit der vorliegenden Stellungnahme:

2. Die aktuelle Diskussion um einen separierten Unterricht

Der Anteil ausländischer Kinder in den schweizerischen Volksschulen liegt insgesamt bei 22%. In exponierten städtischen Gebieten kann jedoch der Anteil ausländischer Kinder in einer Klasse auf bis 90% ansteigen. In der aktuellen Diskussion wird nun gegenüber Klassen, in denen nicht mehr einheimische Kinder Schweizer Eltern die überwiegende Mehrheit darstellen, Widerstand laut, weil die Eltern einen Leistungsabbau und damit eine Benachteiligung ihrer Kinder befürchten.

2.1. Die Printmedien der deutschen Schweiz und in der Folge einige der Romandie berichteten in den letzten zwei Jahren kontrovers über die Forderungen nach Segregation in der Schule. Zwangsläufig wurde dadurch auch die öffentliche Diskussion angeheizt.

2.2. In der deutschen Schweiz wurden 1998/99 an verschiedenen Orten politische Vorstösse zur Einführung getrennter Klassen von Politikern der Schweizer Demokraten, SVP, FDP eingereicht. Der Bericht enthält den Text der Postulate teilweise im Wortlaut sowie Zusammenfassungen der Antworten der kommunalen und kantonalen Regierungen.

2.3. In Rorschach/SG und in der Stadt Luzern laufen derzeit Versuche mit nach ausländischen und Schweizer Kindern getrennt geführten Primarschulklassen. In Rorschach wird nach den beiden dreijährigen Klassenzügen das Experiment nicht wiederholt. In Luzern wird ein weiterer Versuch in einem anderen Stadtquartier erwogen.

2.4. In bereits erfolgten Stellungnahmen sprachen sich die EDK und weitere pädagogische Stellen klar für die Förderung des Zusammenlebens zwischen Einheimischen und Zugewanderten, für die Integration der fremdsprachigen Kinder und für das Modell der „multikulturellen Schule" aus. Mit einem Bündel koordinierter Massnahmen kann das schulische Integrationsprogramm nach Meinung der Fachleute realisiert werden. Damit können auch die festgestellten geringen (unter 10%) Leistungsdefizite, die in stark gemischten Klassen bisher festgestellt wurden, behoben werden.

3. Schulische Segregation aus der Optik der EKR

3.1. Das Unbehagen ist ernst zu nehmen. Auch die EKR ist der Meinung, dass Integration die Aufgabe der Schule schlechthin ist – und zwar in jedem sozialen und politischen Sinne. Die EKR nimmt die Befürchtungen, welche einheimische und zugewanderte Eltern über die Bildungschancen ihrer Kinder hegen, ernst. Die Lösung darf jedoch nicht zuungunsten einer willkürlich definierten Gruppe von Schulkindern ausfallen, sondern muss eine Verbesserung für alle bringen.

3.2. Die neuen Bildungskonzepte für eine „Schule der Vielfalt" weisen den Weg. Diese werden, zum Beispiel unter dem Namen „Modell St. Johann" in Basel oder mit der Bezeichnung „Qualitätssicherung in multikulturellen Schulen QUIMS" in Zürich, bereits eingesetzt. Diese Modelle enthalten eine Kombination ineinandergreifender Faktoren, welche der Realität einer gemischten Klasse Rechnung tragen, wie zum Beispiel: neue Formen und Qualitäten des Unterrichts, Kleinklassen, Miteinbezug der Eltern, fachliche Unterstützung für soziale Probleme, Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur.

3.3. Gemischte Klassen werden zum politischen Stellvertreterproblem gemacht. Der politische Druck scheint geradezu darauf gerichtet zu sein, die Umsetzung dieser pädagogischen Konzepte zu verhindern. In der starken politischen Problematisierung der gemischten Schulklassen spiegeln sich soziale Probleme und die Angst, in Zeiten härterer Verteilkämpfe um Lehrstellen und Berufspositionen zu kurz zu kommen. Diese akzentuieren sich in Quartieren der unteren Mittelschicht. Die homogene Klasse wird nun stellvertretend dafür zum Idealzustand idealisiert und die gemischte Klasse diabolisiert. Aus einem schulischen Problem wird ein politisches Problem gemacht, das sich in die Diskussion um die Ausländer- und Asylpolitik einreihen lässt.

3.4. Die geforderte schulische Segregation folgt der Logik der Abwehr des Fremden. Schnell sind rassistische Vorstellungen der „kulturellen Andersartigkeit" zur Hand, welchen eine ebenso konstruierte „Schweizer Eigenart" gegenübergestellt wird. Die den politischen Postulaten zugrunde liegende Fremdenfeindlichkeit kommt in ihrem Vokabular zum Ausdruck. So wird z.B. behauptet, den Schweizer Kindern könnten die ausländischen wegen ihrer „kulturell stark abweichende Wesensart "nicht zugemutet werden. Hinter der geforderten Abtrennung der Kinder, welche „nicht gut Deutsch sprechen" von den schweizerischen steht der Gedanke ihrer kulturellen und ethnischen Minderwertigkeit. Ihre Integrierbarkeit wird bereits von vornherein bezweifelt, was der Logik des vormaligen Drei-Kreise-Modells der Ausländerpolitik entspricht. Bereits Deutsch sprechende ausländische Kinder werden in Luzern in die neu geschaffene „Ausländerklasse" eingeteilt!

3.5. Die dauerhaft getrennte Klasse für ausländische Kinder ist eine Diskriminierung, da allein aus der nationalen oder ethnischen Herkunft eines Kindes eine Minderbegabung abgeleitet wird. Eine solche auf Dauer angelegte institutionelle und strukturelle Ausgrenzung würde konsequent weiter geführt in ein Apartheid-System münden, welches zum Ziel hat, eine gleichberechtigte Teilnahme aller an der Gesellschaft zu unterbinden. Eine getrennte Entwicklung, die im Kindergarten oder in der ersten Klasse beginnt, setzt sich später in der Gesellschaft fort und würde die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Ungleichheiten insgesamt verstärken. Die Chancengleichheit wäre untergraben, Gettobildung und Aggressivität könnten den sozialen Frieden gefährden. Aber auch ein Schulunterricht nur für Einheimische ist diskriminierend. Schweizer Kinder hätten weniger Möglichkeiten, soziale Kompetenz in einem komplexen Umfeld zu erwerben, welche gerade in der heutigen globalisierten Gesellschaft von grosser Bedeutung ist.

3.6. Konzepte getrennter Entwicklung bedrohen längerfristig die demokratischen und rechtsstaatlichen Grundlagen unseres Zusammenlebens. Integration ist deshalb nicht ein Begriff nur der Ausländerpolitik, sondern bedeutet den Zusammenhalt unseres Staatswesens schlechthin. Die Grundsätze unseres Staatswesens und die Verpflichtungen, welche die Schweiz im Rahmen internationaler Verträge eingegangen ist, stehen einer Forderung nach einem getrennten Unterricht für einheimische und zugewanderte Kinder fundamental entgegen. Eine segregierte Schule würde das Recht auf Gleichbehandlung, auf Bildung, auf Schutz vor rassistischer Ausgrenzung und die Gewährung grösstmöglicher Chancengleichheit in der Gesellschaft verletzen, die jedes Individuum in unserem Land beanspruchen kann. .

3.7. Auch Flüchtlingskinder brauchen gleichwertige Bildungsangebote. Dies stellt eine Herausforderung dar, wenn eine grössere Zahl von Kindern aus dem gleichen Herkunftsgebiet und mit gleicher Muttersprache eintrifft wie jetzt die kosova-albanischen Kinder. Es werden bereits Modelle praktiziert, die auf einem kombinierten heimatlichen/albanischen und ortssprachlichen Schulunterricht während des ersten Anwesenheitsjahres beruhen. Ist eine längere Anwesenheit der kosovarischen Kinder abzusehen, muss nach Meinung der EKR auch hier das Ziel eine Schulung in der Regelklasse sein. Es darf nicht sein, dass auf dem Rücken dieser neu angekommenen Kinder unmittelbar die Ausgrenzungspraktiken ausgelebt werden, die auch der Motor der Forderung nach permanent getrennten Schulklassen sind.

4. Empfehlungen der Eidg. Kommission gegen Rassismus

  1. Die eingereichten politischen Postulate nach segregierten Klassen sind abzulehnen.

  2. Die EKR empfiehlt die schnellstmögliche Aufhebung getrennter Klassen.

  3. Die EKR fordert alle Schulen auf, Leitbilder für eine „Schule der Vielfalt" zu entwickeln. Sie sind die geeignete pädagogische Antwort auf potentielle Forderungen nach getrennten Schulklassen.

  4. Für die Umsetzung der neu entwickelten Schulmodelle, welche eine Antwort auf die Herausforderung heterogen zusammengesetzter Klassen bieten, sind zur Förderung aller Kinder in ihrer individuellen Begabung und zur Stützung der Lehrkräfte die nötigen finanziellen Mittel bereitzustellen.

  5. Weitere Klärungen zu den Themen Chancengleichheit und Bildungsbenachteiligung im multikulturellen Umfeld sind durch die entsprechende empirische Forschung vor zu nehmen.

  6. Die EKR ersucht die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, im Sinne ihrer Empfehlungen von 1991 und in Aufnahme der bereits bestehenden Argumentationen kantonaler Erziehungsdirektionen eine Empfehlung gegen eine Segregation zwischen einheimischen und ausländischen Kindern in der Schule herauszugeben.

  7. Die EKR fordert alle Menschen auf, Segregations- und Apartheidtendenzen in unserer Gesellschaft entgegen zu treten. Den Medien kommt in der Entwicklung und in der Pflege des Verständnisses für eine multikulturelle Gesellschaft eine besondere Verantwortung zu.

© EKR/CFR
Nachdruck mit Quellenangabe erwünscht; Belegexemplar an die EKR.

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